Mittwinterzählung der Wasservögel 2020

Bericht und Fotos von Bernd Schirmeister

Rastende Grau- und Blässgänse (Foto: NABU Usedom/Bernd Schirmeister)
Rastende Grau- und Blässgänse (Foto: NABU Usedom/Bernd Schirmeister)

Am Wochenende vom 11.01. und 12.01. 2020 war es wieder soweit. Wer laufen konnte, ein Fernglas oder Spektiv hatte, also fast unsere gesamte NABU- Regionalgruppe, war im Gelände unterwegs, um Wasservögel zu zählen. International, denn die Mittwinterzählung umfasst alle Länder Europas bis in den Mittelmeerraum, außerdem Nordafrika sowie den amerikanischen und asiatischen Kontinent. Es wird in den Winterquartieren der Wasservögel gezählt, denn dort konzentrieren sie sich jetzt und sind wesentlich besser und vollständiger zu erfassen, als z. B. in den sibirischen Weiten während der Brutzeit.

 

Mein Zählschnitt umfasst die Küste des südlichen Achterwassers. Also raus mit dem Hellwerden, wobei es gar nicht so richtig hell werden wollte. Es nieselte, was natürlich Gift für die teure Optik war und das wichtigste Kriterium, wenn man Vögel auf größeren Gewässern zählt, nämlich die Sichtverhältnisse, waren auch mehr als bescheiden. Der noch schwache Wind schaffte es anfangs nicht, den Vorhang zu heben. Mit dem Eintreffen des vorhergesagten kräftigeren Südwestwindes besserten sich Erfassungsbedingungen und Stimmung jedoch schnell.

 

Los ging es im Hafen von Stagnieß. Dort kochte das Wasser schon, denn hunderte Kormorane waren beim Fischen. Im Winter ist dort Angeln streng verboten, weil die Fische ein geschütztes Winterlager haben sollen, was die Kormorane natürlich nicht wussten. Nebenbei rief ein Eisvogel, der gleich seinen Punkt in der Liste bekam. Nach dem Fischzug ruhten die Kormorane auf den beiden Hafenmolen. Niemand von ihnen bekam einen Punkt in der Liste, denn alle Kormorane sind vom Schmollensee, wo sie ihren Schlafplatz haben. Und dort hatte ich schon vor ein paar Tagen den morgendlichen Abflug zum Achterwasser gezählt, was ein wesentlich genaueres Bild ergibt, als wenn man sie truppweise auf dem Achterwasser einsammeln muss. Weiter ging die Fahrt zur Bäckmündung nach Pudagla. Von dort bietet sich ein weiter Panoramablick auf das Achterwasser. Das klappte auch, jedoch gab es nur wenige Vögel. Ein milder Winter bedeutet nicht auch gleichzeitig viele Vögel, denn überall sind die Gewässer offen, bis ins Baltikum ist der Winter mild. Dadurch verteilen sich die Tiere auf wesentlich breiterer Fläche und große Konzentrationen fehlen weitestgehend. Interessant wurde es am südlichsten Punkt, der Nepperminer Bucht mit den beiden Inseln Böhmke und Werder. Dort gibt es windstille Ecken vor den Schilfsäumen, an denen sich die Wasservögel gern aufhalten. Hier konnte ich auch etwas fürs Artenspektrum tun, denn Pfeif-, Schnatter- und Krickenten beobachten wir so weit östlich in M-V nicht in jedem Mittwinter. Die erhofften großen Pulks von Gänse- und Zwergsägern gab es jedoch nicht, überall fischten nur kleine Trupps. Vorher hatte ich noch einen kurzen Abstecher zur ehemaligen Mülldeponie nach Neppermin gemacht. Dort rasten gut versteckt in einer Ackersenke gern große Gruppen Großmöwen. Man fährt dort gern dran vorbei, wenn man die Stelle nicht kennt. 150 Ind. kamen auf die Liste.

 

Während um Weihnachten in den Wiesen zwischen Balm und Dewichow noch annähernd 4000 Gänse gerastet hatten, war es damit im neuen Jahr vorbei. Wie anderswo auch immer wieder festzustellen ist, werden sie vom Silvesterbeschuss mit konstanter Regelmäßigkeit vertrieben. Die Frage ist, wohin, denn massig geballert wird ja fast überall. Vielleicht in die Wiesen südlich der Peene um Bargischow, denn dort hatte ein Ornifreund am Jahresanfang 12000 Gänse. Da es keine dummen Gänse sind, finden sie solche dünn besiedelten, beruhigten Bereiche mit Sicherheit. Also gab es nur ein paar Hundert Grau- und Blässgänse am Rande des Golfplatzes, wo sie mit Fressen und Düngen beschäftigt waren. Von der Kliffkante des Krienker Sees ergibt sich ebenfalls ein weiter Rundumblick über das südliche Achterwasser bis zum Lieper Winkel. Haubentaucher zeigten sich hier häufig, ebenso Seeadler, die auch gern in den großen Eichen am Kliffhang rasten. Dorthin verirrt sich selten jemand, was heute mal anders war und von den Adlern mit ärgerlichen Rufen quittiert wurde. Weit draußen im Achterwasser zeigte sich eine langgezogene Kette von Entenvögeln. Hier musste das Zoom des Spektivs seine Stärke zeigen, bis klar war, dass es sich um ca. 140 Schellenten handelte. Graureiher sind bei solchen Witterungsbedingungen häufige Überwinterer, zunehmend jedoch auch Silberreiher. Nach Weihnachten hatte ich bei Dewichow einen kleinen Schlafplatz im Schilf bei Dewichow entdeckt, zufällig, weil ein gerade überfliegender Seeadler die weißen Reiher ebenfalls zum Auffliegen brachte. Man kann ja nie wissen. Schon von Pudagla vom ge-genüberliegenden Ufer hatte ich die fünf Reiher morgens dort aufsteigen sehen, wieder mal Glück. Drei fand ich vor Ort in den Wiesen, wo sie erfolgreich Jagd auf dicke Wühlmäuse machten, wie ich mehrmals beobachten konnte. Fehlten noch zwei, als plötzlich wenige Minuten später neun Silberreiher von einer Wiesensenke her über Dewichow flogen. Es gibt also immer noch Steigerungsmöglichkeiten. 

 

Die gab es auch beim Artenspektrum auf der Strecke. Neben den Gründelenten gab es Kiebitze bei Pudagla und zur großen Überraschung einen Trupp von über 50 großen Brachvögeln bei Liepe. Brachvögel werden hier außerhalb des Peenemünder Hakens nur extrem selten im Winter beobachtet. Den schönen Abschluss boten einige rufende Bartmeisen aus dem Schilfdickicht.

 

Den Kopf voller schöner winterlicher Eindrücke und das Notizbuch voller Vögel ging es nach Hause.

 

Bernd Schirmeister


Foto: NABU Usedom / Winfried Becker
Foto: NABU Usedom / Winfried Becker

Auch andere NABU-Aktive waren unterwegs, um die aktuellen Bestände der Wasservögel zu erfassen. Die Gruppe, die den Norden der Insel Usedom um Peenemünde, Karlshagen, Zinnowitz "beackerte", kehrte recht ernüchtert von ihrer Zählrunde zurück. Bis auf ein paar Schwäne, Enten und Möwen gab es keine nennenswerte Anzahl an Vögeln. Immerhin konnten zum Ende an der Zinnowitzer Seebrücke noch Eisenten beobachtet werden.

Eisenten (Foto: NABU Usedom / Winfried Becker)
Eisenten (Foto: NABU Usedom / Winfried Becker)