Nun liegt sie endlich vor, die lange und langwierig erarbeitete Allzeittabelle mit allen vorhandenen Daten der Usedomer Zähler aus den Usedomer Zählgebieten. Vollständig, was nicht so ganz einfach zu erreichen war.
Die internationale Mittwinterzählung für Wasservögel gibt es bereits seit 1965. Dieses Monitoringprogramm ist damit das am längsten bestehende, älteste Zählprogramm in Europa. Für Informationen zur Zielsetzung, Organisation und zum Ablauf sei auf den angefügten Anhang verwiesen, der dazu detailliertere Informationen enthält.
Bereits im darauffolgenden Jahr wurden auch auf Usedom erste Zählungen durchgeführt, so dass regionale Daten ab 1966 vorliegen. Damals und bis zur politischen Wende 1989 waren dabei Mitglieder der Fachgruppe Ornithologie Heringsdorf aktiv, vereint unter dem Dach des Kulturbundes der DDR, was damals für fast alle naturwissenschaftlich oder künstlerisch tätigen Interessengruppen galt.
Sie sollen hier namentlich genannt werden, weil sie nicht nur die Grundlagen schufen für die heute vorliegende stabile Datenbasis, sondern Verantwortung übernahmen, um dieses Programm in seiner jetzigen Form überhaupt zu etablieren.
Eine solch große, jährlich wiederkehrende Aufgabe muss von den Fachgruppen ja erst einmal als eine solche verstanden und in die eigene Aufgabenstruktur integriert werden. Dazu müssen ein solches Projekt natürlich die Mitglieder und Interessenten selbst auch auf den Schirm bekommen und als ihre Aufgabe begreifen. So sind die Anfänge unter Beteiligung einzelner Fachgruppen - Mitglieder lückig, die Erfassung der entworfenen Zählgebietskulisse unvollständig. Aber es wurden weitere Mitstreiter gewonnen und die interessante Aufgabe wurde zusehens publik.
Die zu Beginn große Inhomogenität zeigt sich auch in der langen Namensliste, viele externe Zähler (von denen inzwischen leider zahlreiche verstorben sind) unterstützten die hiesigen Erfassungen in einzelnen Gebieten und reisten dazu teilweise aus dem ganzen Land an. Einigen älteren Mitstreitern werden viele Namen noch gut bekannt sein:
Zum Teil tauchen die Namen dieser externen Zähler nur einmal in den Listen des Landesamtes auf, manche waren aber auch mehrere Jahre hier aktiv und bearbeiteten verschiedene Gebiete.
Diese Praxis der externen Unterstützung gibt es in einigen Regionen heute noch. So unterstützen Rostocker Ornithologen die Rüganer Kollegen bei der MWZ, die Hamburger Ornithologen zählen auf der Ostseeinsel Fehmarn.
Von den Usedomer Mitgliedern werden aus den Anfangsjahren genannt:

Leider finden sich bei den Zählungen in den Unterlagen des Landesamtes oft gar keine Namen, weil diese von den vorliegenden Zählbögen durch die damalige Zentrale für Wasservogelforschung der DDR im brandenburgischen Buckow (heute Staatliche Vogelschutzwarte Buckow) im Rahmen der Digitalisierung des Materials nicht mitgeteilt bzw. nicht übertragen wurden. Schade - nicht gerade eine Würdigung dieser überwiegend ehrenamtlich erbrachten Leistungen.
Der Autor selbst und sein Bruder Ralf, der heute noch extra aus Berlin für die Zählung anreist, sind seit 1980 bei der MWZ aktiv. Zu der Zeit waren auch bereits Helmut und Carola Arnold, Klaus Behn, Rudolf Brendemühl, Wolfgang Hofmann, Oswald März, Wolfgang Nehls und Hans-Jürgen Reichardt aktiv dabei. Wenig später auch Thomas Eschenauer, Joachim Hellmuth, Ludwig Jonas, Harald Jürgens, Otto Kerstan, Torsten Lauth, Werner Scheibelt, Werner Schnapp, Helmut Skibbe, Siegfried Triglaff, Dirk und Angela Weichbrodt und Olaf Wenzel, die über viele Jahre bei Wind und Wetter Daten für die Mittwinterzählung zusammentrugen und es vielfach erfreulicherweise auch heute noch tun.
In den Anfangsjahren lag die Organisation der Zählung, die Datensammlung und Weitergabe an den Koordinator Küste (langjährig Hans Wolfgang Nehls aus Rostock, jetzt Mathias Vieth aus Rostock) bei unserem langjährigen Kreisnaturschutzbeauftragten Claus Schönert, später bei Helmut Arnold. Zum Teil seit 1995 und durchgängig seit 1997 zeichnet der Autor dafür sowie für die Auswertung der regional erhobenen Daten verantwortlich.
Die Durchführung solcher landesweit flächendeckenden Zählungen war anfangs mit großen Schwierigkeiten verbunden:
Eine große Herausforderung stellte das Zusammentragen der in der Allzeittabelle dargestellten Zählergebnisse dar.

Ab 1988 lagen alle Daten beim Autor vor, von 1980 bis 1987 nur die selbst und durch seinen Bruder erfassten Gebiete. Die Annahme, diese Daten in den Tagebüchern des verstorbenen Claus Schönert zu finden, erfüllte sich leider nicht, die Tagebücher sind zusammen mit seiner sehr umfangreichen Bibliothek im Naturparkzentrum Insel Usedom archiviert, die Tagebücher leider jedoch nur noch sehr unvollständig. Auch in umfangreich vorliegenden alten Unterlagen der ehemaligen Fachgruppe Ornithologie fand sich diesbezüglich nichts. Ebenso nicht in den Unterlagen der 1990 neu gegründeten Usedomer NABU-Regionalgruppe.
Dann die rettende Idee:
Seit vielen Jahren werden die landesweiten Zählergebnisse für das Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie durch BIOM (landschaftsökologische Gutachten und biologische Studien), ansässig in Jarmshagen bei Greifwald (Dipl. Biol. Thomas Martschei und Dipl. Biol. Markus Lange), dargestellt und ausgewertet. Vorsichtige Anfrage bei Markus Lange bzgl. eventuell vorliegender älterer Usedomer Zähldaten.
Dann passierte etwas, was mich tagelang in jeder Hinsicht völlig sprachlos machte vor Begeisterung. Es kam eine Zuarbeit, wie ich sie in dieser Kollegialität, Akribie, Fülle, Ausführlichkeit und Vollständigkeit selten erlebt habe. Alles Gehoffte und Gewünschte war da, als Ergebnis eines Werksauftrages, den BIOM für die Obere Naturschutzbehörde übernommen hatte und wurde mir uneigennützig und schnell übermittelt.
Niemand, der diese Zusammenstellung liest und auch ich nicht konnte ansatzweise ermessen, was sich dahinter verbirgt. Nämlich eine unvorstellbar mühevolle Fleißarbeit, ein kaum zu ermessender Arbeitsaufwand, um mit teils fast kriminalistischem Spürsinn derartig viele und vor allem derartig inhomogene Daten zu sichten, zu sortieren. zuzuordnen , um sie schließlich in eine lesbare, darstellbare, auswertbare und damit nutzbare Form zu bringen.
O-Ton Markus Lange: "Wenn wir das vorher gewusst hätten, hätten wir diesen Auftrag nie angenommen." Glücklicherweise doch, deshalb habe ich das Anschreiben und die umfangreichen Erläuterungen von Herrn Lange als Anhang beigefügt, um den für das Verständnis der Daten notwendigen Hintergrund zu erhellen (unbedingt lesen!).
Einen dicken Wermutstropfen gab es dennoch:
Bei der Sichtung und dem Abgleich mit den erhaltenen Daten stellte sich heraus, dass diese nicht vollständig waren. So fehlten immer wieder Ergebnisse aus Gebieten, die mein Bruder Ralf und ich gezählt und auch gemeldet hatten, die aber offenbar nicht weitergeleitet worden waren. Ursächlich dafür kann nur unser ehemaliger Fachgruppenleiter-Leiter sein, der an einer Krankheit litt, die ihn manchmal für Wochen sowohl geistig als auch körperlich außer Gefecht setzte. Dann gab es mehrfach Gedächtnis- und Aufgabenlücken, die wohl auch hier zugrunde liegen. Das lässt sich nicht mehr ändern, zumindest aber wurden diese Daten jetzt nachträglich eingearbeitet und finden sich in der Allzeittabelle. Kenntlich sind sie in der Zeile Zählgebiete hinter dem Pluszeichen.
Das alles ist heute weitgehend kein Thema mehr. Seit Mitte der 90er Jahre werden alle Usedomer Gebiete vollständig erfasst, die Mittwinterzählung ist zu einem festen Bestandteil der Arbeit in der NABU-Gruppe geworden, dem in Vorbereitung, Durchführung und Auswertung der notwendige Platz eingeräumt wird. In der jüngeren Vergangenheit sind hier insbesondere Christiane Beck, Winfried Becker, Jana Freitag, Cornelius Friedrich, Marisa Kaster, Samuel Knoblauch, Kathrin Räsch und Lena-Marie Rieseweber zu nennen, die die Zählgruppe verstärken. Eine gute Zusammenarbeit bahnt sich diesbezüglich auch mit Kollegen aus dem Usedomer Naturpark an. Ein erfreulicher, aber auch notwendiger Generationswechsel für diese Aufgabe ist eingeleitet worden, neue Interessenten widmen sich dieser anspruchsvollen Aufgabe und wachsen hinein, so dass die jahrzehntelange Tradition der Mittwinterzählung hoffentlich ihre Fortführung und Beständigkeit erfahren wird.
An Aktualität hinsichtlich der Gefährdung vieler Arten hat dieses Monitoringprogramm nichts eingebüßt.
Die Internationalität und die internationale Zusammenarbeit erfahren trotz großer geopolitischer Schwierigkeiten weiterhin bedeutenden Zuwachs. Gleichartige Erfassungsprogramme gibt es ebenfalls langjährig auch auf dem amerikanischen Kontinent. Auf dem asiatischen Kontinent wird die Zählgebietskulisse beständig ausgebaut, um überhaupt wichtige Rastgebiete an den Küsten definieren und wirksam vor Eindeichungen, Industrialisierung, kommerzieller Nutzung und Übernutzung durch die lokale Bevölkerung schützen zu können. Besondere Herausforderungen und Schwierigkeiten bestehen auf dem afrikanischen Kontinent, wo mit europäischer Unterstützung (manpower, Optik) in jüngerer Vergangenheit überhaupt erst einmal Zählungen mit lokalen Akteuren organisiert und durchgeführt werden konnten. Das ist dort besonders wichtig, weil sich viele Rast- und Überwinterungsgebiete europäischer Vogelpopulationen entlang der afrikanischen Küste befinden. Dabei geht es zunächst um solche grundsätzlichen Fragen wie Verständnis bei der lokalen Bevölkerung zu wecken für den Naturschutz, speziell für den Vogelschutz, Nutzungen zu verändern und Alternativen nicht nur aufzuzeigen, sondern auch umzusetzen.
Bericht: Bernd Schirmeister
Hier weiterlesen, um zu der Auswertung und Allzeittabelle zu gelangen