Unsere Exkursion zur Insel Görmitz am 09.05.2026

Von der Insel auf die Insel- von Usedom auf die Görmitz. Nicht nur deshalb war die diesjährige Frühjahrsexkursion der NABU- Gruppe Usedom etwas Besonderes.

 

Der Weg dorthin ist nicht weit, nur 340 m über den Twelen, einen schmalen Wasserarm im Achterwasser, der beide Inseln trennt.

 

Aber man kommt trotzdem nicht so ohne Weiteres hin. Die Insel ist Naturschutzgebiet und zudem in Privatbesitz. Deshalb hatten wir uns mit Frank Joisten verabredet, dem Betreuer der Görmitz. Das gab Legitimation und eine Menge interessanter Informationen zur Nutzungs- und Naturgeschichte des knapp 100 ha (1700 m lang, 932 m breit) großen Eilandes.

 

Die Insel Görmitz wurde 1672 als bewohnter Ort (slaw. Sommersaat) urkundlich erwähnt. Sie ist jedoch bereits Jahrtausende vorher besiedelt gewesen, denn im Süden gibt es Relikte einer neolithischen Siedlung mit einem Werkplatz für Feuersteinwerkzeuge.

 

Die Insel befand sich über 700 Jahre lang im Besitz der auf dem Gnitz ansässigen Familie von Lepel. 1865 bestand auf der Görmitz ein Vorwerk (Holländerei) des Neuendorfer Gutes mit 24 Einwohnern und genutzten Äckern, Wiesen und Weiden.

 

 

Nach 1945 und infolge der Bodenreform betrieben Flüchtlinge dort Ackerbau und Viehwirtschaft.

 

Danach wurde die Insel ein Erholungsobjekt des VEB Nachrichtenelektronik Greifwald. In den 60er Jahren wurde die Görmitz durch einen befahrbaren Damm mit Usedom verbunden. Dieser stand im Zusammenhang mit der Erdölförderung auf dem Gnitz, als auch auf der Görmitz Probebohrungen durchgeführt wurden.

 

Nach 1990 übernahm die Siemens AG den Betrieb der Nachrichtenelektronik und damit auch die Görmitz. Seit 2001 ist nun unter maßgeblicher Beteiligung von Wilfried Starke aus Greifswald der größte Teil der Insel als Naturschutzgebiet gesichert. Die Betreuung erfolgte anfänglich durch den Verein Jordsand.

 

2006 wurde die Insel an die Wertgrund Insel Görmitz GmbH verkauft, die jedoch keine Bewirtschaftung der Insel betrieb und auch eine ursprünglich geplante große Ferienanlage nicht umsetzen konnte.

 

2012 wurde die Insel an den Biolandwirt Karl Mattes (Biopark) aus Rostock verkauft, der dort Rinder hält.

 

 

2016 erfolgte der Rückbau des Dammes als Ausgleichsmaßnahme für die Stromtrasse Ostwind 1. Ziel ist eine Verbesserung der Strömungs- und Sauerstoffverhältnisse im Twelen sowie die Verringerung von Schlammbildungen auf dem Gewässergrund.

Bei herrlichem Frühlingswetter mit Sonnenschein und ausnahmsweise wenig Wind trafen sich 18 Mitglieder und Freunde unserer Gruppe am Hafen in Netzelkow.

 

Zuerst wurde jedoch unser jüngstes Projekt in Augenschein genommen. In mehreren Arbeitseinsätzen hatten wir einen vor dem Hafen liegenden Betonponton als Brutinsel für Flussseeschwalben hergerichtet. Voller Freude stellten wir fest, dass sich der große Aufwand gelohnt hatte. Zahlreiche Flussseeschwalben umschwärmten die Insel. Einige Paare hatten bereits Nester gebaut und brüteten, ebenso wie eine Graugans und eine Stockente, in den zahlreichen Nischen.

 

 

Nun aber wurden  die Boote klar gemacht und wir setzten zur Insel Görmitz über, was erfreulicherweise ohne Zwischenfälle ablief.

Unterweisung durch den Gebietsbetreuer Frank Joisten / ©Bernd Schirmeister
Unterweisung durch den Gebietsbetreuer Frank Joisten / ©Bernd Schirmeister

Wir versammelten uns bei den Gebäuden des ehemaligen Vorwerkes, wo uns Frank Joisten mit zahlreichen interessanten Informationen aus Vergangenheit und Gegenwart der Insel versorgte. Ihm sei auch an dieser Stelle nochmals ganz herzlich für die kurzweilige Führung an diesem Vormittag gedankt.

 

Die Insel ist geprägt von weitläufigem Grünland, das mit Rindern beweidet wird, um es kurzgrasig zu halten und Verbuschung zu verhindern. Das ist notwendig, um die Wiesen für bodenbrütende Vogelarten wie Feldlerchen oder Schafstelzen zu erhalten.

 

Sie sind jedoch nicht die Hauptzielarten des Küstenvogelbrutgebietes. Dazu gehören mit Kiebitz, Rotschenkel, Sand- und Flussregenpfeifer landesweit gefährdete Watvogelarten (Limicolen), denen hier vor allem ein Lebensraum erhalten werden soll. Das ist aufwändig und beinhaltet eine ganze Reihe von Maßnahmen.

 

Die Insel war an den Ufern von teils sehr hoch gewachsenen Weiden umgeben. Dadurch haben Kolkraben und Krähen als Luftfeinde bodenbrütender Vögel Brut- und Ansitzmöglichkeiten. Also wurden die alten Weiden wieder auf den Stock gesetzt und wachsen nun als Kopfweiden.

 

 

Andere große Bäume wie Eschen, Ahorn und Erlen werden durch verschiedene Pilze geschädigt, wie zahlreiche abgestorbene Bäume  zeigten.

Auf Grund fehlender Bewirtschaftung war die Insel besonders im Nordteil von dichtem Schilf überwuchert, in denen zahlreiche Wildschweine, Füchse und auch Marderhunde oder Waschbären Unterschlupf fanden, kein Biotop für gefährdete Küstenvogelarten. Also wurde erstmals gemäht und das Schilf zurückgedrängt. Dank Karl Mattes konnte dafür ein moderner Einachsmäher vom Typ Brielmeier angeschafft werden. Diese Pflegeaufgabe ist nun jährlich wahrzunehmen.

 

Aber auch kleine Raubsäuger wie der Mink können großen Schaden anrichten. Diese werden dann zu bestimmten Zeiten an ihren Wechseln mit Fallen gefangen, die regelmäßig kontrolliert werden müssen.

 

Aufgrund der geringen Entfernung von Usedom erreicht Haarraubwild immer wieder schwimmend oder im Winter über das Eis laufend die Görmitz. Deshalb wird in jedem Frühjahr vor der Brutsaison eine Gemeinschaftsjagd durchgeführt, bei der z.B. in diesem Jahr zwei Füchse und zwei Marderhunde erlegt wurden.

 

 

Das alles ist notwendig, um die Betten für die erwähnten Brutvogelarten vorzubereiten. Jedoch sind Watvögel Sumpfvögel. Sie brauchen weichen, stocherfähigen Boden für die Nahrungssuche nach Würmern, Larven und Insekten. Wasser ist ihre Lebensgrundlage. Daran mangelt es in diesem Frühjahr jedoch in erheblichem Maß. Trockenheit ist untertrieben, Dürre benennt es eher, kaum Niederschläge, eigentlich durchgehend seit Januar. Zudem herrschten ungünstige Windrichtungen vor, so dass neben ausbleibenden Niederschlägen auch fehlende Hochwässer die Situation verschärften, wovon wir uns nun selbst ein Bild machen konnten.

letzte Feuchtstellen / © Marisa Kaster
letzte Feuchtstellen / © Marisa Kaster

Die schön kurzgrasigen Wiesen waren vollkommen ausgetrocknet, der Boden feldrig aufgerissen, letzte Röthen zu Pfützen verkommen - zu wenig für Kiebitz und Co. Wie Frank berichtete, waren die Vögel zu Beginn der Brutsaison da, aber es gab kein Wasser, so dass sie weiterziehen mussten. Nur ein Paar Kiebitze und ein einzelner Sandregenpfeifer waren neben einigen rastenden Limicolen übrig geblieben.

 

Trotzdem erlebten wir die Insel voller Leben. Über den Twelen flogen ständig Gruppen von Kormoranen hin und her, wechselten von den Fischgründen zur Brutkolonie Waschow am Peenestrom.

 

Greifvögel wie Rot- und Schwarzmilan kreisten in der Thermik. Zahlreiche Seeadler ruhten in den Bäumen im Nordteil. Ein Altvogel ließ uns erstaunlich dicht herankommen.

 

Graugänse zogen in Trupps vorbei. Der Mauserzug hat begonnen.

 

An den letzten feuchteren Bereichen hielten sich zahlreiche Brandgänse auf, die hier auch brüten. Als Höhlenbrüter nutzen sie dafür Uferbereiche mit Knickschilf. Immer wieder werden Junge führende Familien beobachtet.

 

Lachmöwen sind nicht nur Wasservögel, sondern suchen häufig terrestrische Habitate zur Nahrungssuche auf. Das konnten wir erleben, als knapp 100 Lachmöwen über dem Grünland nach Zuckmücken jagten, kleine, aber proteinreiche Beutetiere, zudem in großer Menge vorhanden, so dass die Energiebilanz stimmte.

 

Kuckucke hörten wir nicht nur, sondern sahen sie auch und dann gleich zwei. Die Insel ist an den Rändern und im Mittelteil von dichten Gebüschen, insbesondere Weißdorn, bewachsen. Dort konnte ein reiches Kleinvogelleben v.a. gehört werden, Grasmücken, Laubsänger, der erste Gelbspötter- unsere Ohren und die Merlinapp hatten gut zu tun. An den Gebäuden nisteten zahlreiche Mehlschwalben.

 

 

Insgesamt konnten wir in den wenigen Stunden unserer Anwesenheit 46 Vogelarten feststellen.

Aber auch Fledermäuse, wie Abendsegler und Zwergfledermäuse, sind auf der Insel heimisch. Um ihre Ansiedlung zu unterstützen, wurden zwei große Fledermauskästen angebracht, in denen sich im Frühjahr auch Wochenstuben befinden, so dass die Insektenjäger erfolgreich ihren Nachwuchs aufziehen können.

 

Fischotter suchen die Inseln wohl regelmäßig auf, wie frische Spuren an einem kleinen sandigen Strandabschnitt zeigten.

 

Wandern (insgesamt waren es knapp 5 km), stehen bleiben, beobachten, bestimmen, Vogelstimmen lauschen, Frank zuhören- nicht nur wir, auch die Zeit schritt voran. Im Nordteil der Insel konnten wir schließlich noch die Rinderherde in Augenschein nehmen, die die Wiesen kurzgrasig hält, unterstützt von einer Gruppe Mufflons, die die wenigsten von uns schon einmal in freier Natur erlebt hatten.

 

Schließlich kamen wir wieder am kleinen Anleger an, Rico und Frank setzten uns gruppenweise nach Netzelkow über, wo die erlebnisreiche Exkursion ihren Abschluss fand.

 

Bericht: Bernd Schirmeister
Fotos: Bernd Schirmeister, Marisa Kaster

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