Wintervogelzählung 2026

Kernbeißer am Futterhaus / ©Bernd Schirmeister
Kernbeißer am Futterhaus / ©Bernd Schirmeister

1. Teilnahme  /Zählstrecken der Usedomer NABU-Gruppe

Die Gebietskulisse ist erfreulicherweise erneut umfangreicher geworden. Nachdem das Programm der OAMV in der NABU-Gruppe ausführlicher vorgestellt und beworben wurde, erklärten sich im vorigen Jahr gleich vier neue Teilnehmer bereit, eine Strecke zu bearbeiten, wobei zwei dieser Teilnehmer sich im vorigen Jahr schon einmal am

  Wintervogelzählen ausprobiert hatten, teilweise jedoch auf anderen Strecken. Nun kam in diesem Jahr noch eine weitere Teilstrecke dazu, wobei aus familiären Gründen leider auch eine Waldstrecke aufgegeben wurde.

 

Insgesamt wurden nun zehn  Zählstrecken auf der Insel bearbeitet, von denen fünf seit 2010 Bestandteil des von der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft des Landes M-V initiierten Monitorings sind, um Genaueres über Vorkommen, Verteilung und Häufigkeit der bei uns überwinternden Vögel zu erfahren.

 

Damit sind wir nun im 16. Erfassungsjahr, so dass eine Menge Daten vorliegen, die jeweils unter recht unterschiedlichen Bedingungen erhoben wurden. Diese Datenreihen sind wertvolle Arbeitsergebnisse, sind doch im Vergleich zur gut untersuchten Brutvogelfauna, Daten zur Verbreitung unserer Vögel im Winter bisher nicht systematisch erhoben worden. Durch die weitgehende Beibehaltung von fünf Zählstrecken über nun schon sechzehn Jahre sind interessante Vergleiche möglich, die nun durch die fünf neuen Strecken auf interessante Weise ergänzt werden.

 

Die wichtigsten Lebensraumtypen Wald, Offenland und Siedlung werden durch die Zählungen abgedeckt. Insgesamt waren elf Mitglieder und Freunde der NABU-Regionalgruppe beteiligt, denen an dieser Stelle für ihren teils langjährigen Einsatz Dank ausgesprochen werden soll:

Lebensraum Gebiet bearbeitet durch
 Siedlung 

Heringsdorf

K.-H. Loist, Marisa Kaster, C. Friedrich
Bansin B. Schirmeister

Streckenlänge bei zwei Strecken insgesamt 8,75 km

Lebensraum Gebiet bearbeitet durch
Wald  zw. Kölpinsee und Ückeritz K. Räsch
zw. Zempin und Zinnowitz S. Weigler

Streckenlänge bei zwei Strecken insgesamt 7,1 km

Lebensraum Gebiet bearbeitet durch
Offenland  Gnitz K. Räsch
im Thurbruch B. Schirmeister

Peenewiesen zw. Peenemünde

und Karlshagen

U. Gellendin

Grünland zw. Karlshagen

und Trassenheide

J. Freitag

Grünland u. Eisenbahndamm

bei Usedom Stadt

E. Schreiber, R. Aust
Ackerland bei Benz G. Panknin

Streckenlänge bei sechs Strecken insgesamt 28,95 km

Die Gesamtlänge aller bearbeiteten Strecken beträgt damit 44,80 km.

Winterliche Zählbedingungen / ©Jana Freitag
Winterliche Zählbedingungen / ©Jana Freitag

2. Methodik

Nach der von der OAMV vorgegebenen Anleitung waren je eine Zählung in den Monaten Januar und Februar in etwa vierwöchigem Abstand durchzuführen. Dieses Zeitfenster ließ sich auf Grund vielfältiger persönlicher Belange und Befindlichkeiten der Teilnehmer nicht immer ganz exakt einhalten. Dazu kam in dieser Saison noch die anhaltend strenge Winterwitterung mit teils sehr schwierigen Wegeverhältnissen. Geachtet werden sollte auf möglichst günstige meteorologische Bedingungen, z. B. wenig Wind, kein Niederschlag, erwünscht Sonnenschein, weil dadurch natürlich die Aktivität der Vögel und damit ihre Erfassbarkeit beeinflusst wird.

 

Die zu wählende Route sollte 3 bis 5 km lang sein, dabei sollte möglichst nur einer der o. g. Lebensraumtypen erfasst werden. Das lässt sich in der Praxis nicht immer ganz genau einhalten, da es gerade auf Usedom noch abwechslungsreiche und eng miteinander verzahnte Lebensräume gibt. Auf dieser Route waren alle Vögel zu erfassen, die eine Beziehung zum untersuchten Gebiet haben, d. h. überfliegende Vögel wurden u. U. nicht mitgezählt, wenn es sich eindeutig um Zug handelte und nicht um kleinräumige Ortswechsel oder Nahrungsflüge. Das Zählgebiet sollte dabei kartenmäßig innerhalb eines Messtischblattes liegen, um spätere überregionale Auswertungen zu erleichtern.

3. Erfassungsbedingungen

Spaß trotz schwierigen Bedingungen / ©Jana Freitag
Spaß trotz schwierigen Bedingungen / ©Jana Freitag

Ähnlich wie im vorigen Jahr verlief der Spätherbst unter dem Einfluss atlantischer Tiefausläufer wieder mild, im Gegensatz zu 2025 allerdings recht niederschlagsarm, von Winter keine Spur. Kurz vor Weihnachten stellte sich die Wetterlage jedoch auf eine östliche Strömung um. Die Temperaturen fielen rasch, es klarte auf, so dass es zu den Feiertagen zwei Nächte mit jeweils -7 °C gab. Es war laut Wetterdienst das kälteste Weihnachten seit 15 Jahren. Nach den Feiertagen wurde es schnell milder mit Tages- und Nachttemperaturen im einstelligen Bereich. Aber der Winter kam erneut zurück und blieb auch über die gesamte Zählperiode. Zum Jahreswechsel gab es Frost, der sich in den ersten Tagen des neuen Jahres bis knapp -10°C verschärfte. Dazu fiel auch mehrmals Schnee, so dass sich bei uns eine geschlossene Schneedecke von 3- 5 cm ausbildete, in westlichen Landesteilen noch wesentlich höher.

 

Dieses winterliche Wetter blieb weitgehend bestehen, zu Beginn der zweiten Januardekade gab es eine kurze und schwache Tauwetterphase mit einstelligen Plustemperaturen und Eisregen, bevor es wieder kälter wurde. Der Schnee taute, die Gewässer blieben zugefroren. In der dritten Januardekade fielen die Temperaturen erneut, es gab auch wieder tagsüber Frost und nachts mehrfach bis -10°C, Schnee fiel jedoch nicht. Am Monatsende gab es erneut Eisregen, der die gesamte Landschaft und alle Strukturen mit einer mehrere Millimeter dicken Eiskruste überzog, die auf  Grund des  Dauerfrostes erhalten blieb, dazu fiel etwas Schnee (1- 3 cm).

 

Aber es gab noch Steigerungsmöglichkeiten, In der ersten Februarwoche gab es erneut Eisregen. Da der Boden bis zu einem halben Meter tief gefroren war, bildete sich erneut eine mehrere Millimeter dicke Kruste, die Landschaft, alle Wege und Strukturen waren mit einem Eispanzer umhüllt. Danach setzte kurz Tauwetter ein, nun war die Eislandschaft wie glatt gehobelt und poliert, es gab nur schwer Stehen und Laufen. 

 

Alle Zähler mussten sich irgendwie mit den hochwinterlichen Bedingungen arrangieren, denn es gab nichts anderes als den strengsten Winter seit 2010. In dem Jahr haben wir mit dem WiVoZä- Programm begonnen, aber damals lag mehr Schnee, so dass z.B. Harald seine Zählstrecke auf Skiern absolviert hatte. Einige Zähler hatten sich nun Spikes unter die Schuhe montiert oder einen dicken Besenstiel als Gehstock mit einem starken Nagel versehen, so dass alle Zähler ihre Strecken unfallfrei über die Runden bekamen.

4. Ergebnisse

Insgesamt wurden 13192 Vögel erfasst (2022: 12012 Vögel, 2023: 18947 Vögel, 2024: 18646 Vögel, 2025: 22857 Vögel). Das sind deutlich weniger als in den vergangenen Jahren mit eher milden Wintern. Winter mit stärkeren Frostperioden gab es auch 2016 (ca. 15000 Vögel) und 2017 (ca. 12000 Vögel), also recht gut vergleichbar. Andererseits gab es in den relativ milden Wintern 2019 und 2021 jeweils auch nur gut 10000 Vögel, bei allerdings etwas kürzerer Gesamtstrecke. Ebenso 2022. Dabei ist zu berücksichtigen, dass manchmal einzelne Artengruppen wie z.B. Gänse oder Krähenvögel mit hohen Zahlen die Gesamtergebnisse dominieren, fehlen sie, macht sich das sofort drastisch in der Gesamtbilanz bemerkbar. 

 

Ein detaillierter Blick auf die einzelnen Arten ist also unerlässlich. Dabei wurden bei der ersten Zählung im Januar 4601 Vögel und bei der zweiten Zählung im Februar 8591 Vögel registriert, also fast eine Verdopplung in ca. vier Wochen. Doch Vorsicht, diese kam fast ausschließlich durch Krähenvögel zustande.

 

Insgesamt wurden 60 Arten registriert (2020: 64, 2021: 69, 2022: 59, 2023: 61, 2024: 65, 2025: 72 Arten), ein Wert, der in den letzten Jahren fast immer überboten wurde. Ursache ist sicher das diesjährige hochwinterliche Wetter. Dabei wurden bei Zählung 1 insgesamt 56 Arten und bei Zählung 2 insgesamt 51 Arten erfasst. Dabei spielte Winterflucht einzelner Arten auf jeden Fall eine Rolle.

 

Es gibt aber immer Fluktuationen, d. h. Artenwechsel, so wurden zehn Arten nur bei Zählung 1 (Kormoran, Singschwan, Wanderfalke, Kiebitz, Türkentaube, Schleiereule, Singdrossel, Rotdrossel, Wiesenpieper, Fichtenkreuzschnabel) und vier Arten  nur bei Zählung 2 (Graugans, Rotmilan, Misteldrossel, Grauammer) erfasst. Sicher spielt bei einigen Arten Winterflucht klar eine Rolle, bei anderen sind es aber auch die Erfassungsbedingungen, zumal diese Arten oft eh nur in sehr kleinen Anzahlen beobachtet wurden. Erste Heimzugbewegungen lassen sich ausschließen.

Einmal durchzählen bitte / ©Jana Freitag
Einmal durchzählen bitte / ©Jana Freitag

Die meisten typische Akteure des Winters wurden mit den Zählungen erfasst, gefehlt haben z. B. der Raufußbussard oder auch Seidenschwänze, die andernorts in diesem Winter wieder einmal deutlich zahlreicher auftraten, aber nicht auf unseren Zählstrecken. Deren scheinbares Fehlen bedeutet jedoch nicht völlige Abwesenheit, die Zählungen sind immer nur Momentaufnahmen, oft schnelle und kurze Zufallsbeobachtungen, abhängig von Witterung, Zeitpunkt, Aktionsradius oder Aktivität des Vogels. Manche Vögel führen ausgedehnte Wanderungen auf der Suche nach Nahrung durch (Meisen, Wintergoldhähnchen in den Wäldern), Rotmilane in der Offenlandschaft und dann verfehlt man sich auch mal. Oder im Lebensraum Wald mit seinen eingeschränkten Sichtmöglichkeiten ist man stark auf Vogelstimmen angewiesen, wenn der Vogel aber gerade nichts sagt, entgeht er dem Hörnachweis und damit auch der Statistik. Oft bringt die zweite Zählung hier auch höhere Nachweiszahlen, da die Aktivität vieler Arten, besonders der früh balzenden wie Spechten, Kleibern oder Meisen stark zunimmt und sie dann auch mehr von sich hören lassen.

 

Viele der typischen Wintervogelarten wurden jedoch auch erneut beobachtet, dazu gehören viele Meisenarten und Finkenvögel sowie einige Greifvögel. Das Gros der Vögel wurde erneut von wenigen Arten bzw. Artengruppen gebildet, das sind Krähenvögel, Meisen und Finken, daneben Drosselvögel und, sonst gewohnt, im Offenland Gänse, die in diesem Jahr jedoch ein Totalausfall waren. 

 

Viele Arten kamen oft nur in kleinen Gruppen oder Einzelexemplaren zur Beobachtung, aber gerade diese auch zu entdecken, macht oft den Reiz einer solchen Zählung aus, spornt den Ehrgeiz des Beobachters an, nachdem man die üblichen Verdächtigen über die Jahre recht gut kennengelernt hat oder wie die Neueinsteiger, nun gerade dabei ist.

 

Bei Zählung 1 waren es 34 Arten, deren Anzahl unter 20 Ind. lag, bei Zählung 2 auch noch 31 solche Arten, also jeweils ca. die Hälfte aller registrierten Arten. Diese sind zumeist nicht unbedingt selten, aber mit dem doch vergleichsweise kleinen Ausschnitt aus den winterlichen Landschaften der Insel nicht in größeren Anzahlen zu beobachten.

 

Eine Zunahme der Strecken ist jedoch nicht gleichbedeutend mit steigender Artenanzahl, da in einer geografischen Region mit ähnlichen Lebensräumen natürlich auch ein vergleichsweise ähnliches Artenspektrum erwartet und angetroffen werden kann. Die recht große Gesamtzahl von Arten zeigt aber auch die Vielgestaltigkeit der untersuchten Lebensräume  sowie deren Habitatqualität. Vor allem im Offenland zeigen sich aber auch große Probleme für die Vögel durch die ausgeräumte Kulturlandschaft, die an vielen Stellen kaum  noch Strukturen aufweist, die den Vögeln Schutz, Deckung oder Nahrung bieten können. Dort konzentrieren sich dann oft mehrere Arten und erfreuen den Beobachter, während über längere Strecken dann wieder kaum etwas zu beobachten ist.

 

Ein Beispiel dafür ist die Wacholderdrossel, die in größeren Anzahlen nur auf dem Gnitz, dem ehemaligen Bahndamm bei Usedom und bei Karlshagen registriert wurde, weil es dort reichlich beerentragende Gehölze gab. Ist diese Nahrungsquelle erschöpft, was bei größeren Drosseltrupps recht schnell gehen kann, ziehen sie weiter, nutzen dann auch Grünland, wo es jedoch in diesem Jahr kaum mehr als trockene Sämereien zu holen gab. Vereinzelt wichen Wacholderdrosseln auch in Ortschaften aus und fraßen dann z.B. an den letzten Falläpfeln der Saison. Bewegung, Flexibilität und Anpassung  ist also gefragt, um den Winter zu überleben, zumal einen solch langen und kalten.

Nest einer Elster / ©Jana Freitag
Nest einer Elster / ©Jana Freitag

Der Wald erwies sich mit 21 Arten (2023: 15, 2024: 26, 2025: 30 Arten) als Schlusslicht, sehr artenarm, was aber nicht verwundern darf, bietet er doch im Winter nicht so vielen Vogelarten geeignete Lebens-bedingungen. Im vergangenen Jahr gab es kaum Bucheckern, Eichen hingegen hatten fast eine Vollmast, die jedoch durch die leicht verschneite, aber später durch mehrfaches Blitzeis harte Bo-denoberfläche kaum zugänglich war. Verschiedene Meisenarten und Wintergoldhähnchen wurden in unstet umherziehenden Trupps beobachtet, sie untersuchten v.a. Rindenstrukturen intensiv auf der Suche nach überwinternden Insekten und deren Entwicklungsstadien.

 

Beerenfrüchte waren im Wald knapp, manche Arten wie z. B. Rotkehlchen oder in diesem Jahr besonders eindrucksvoll Amseln, wandern dann jahrweise in den Siedlungsraum ein mit besseren Bedingungen (Gärten, Vogelfütterungen,  Komposthaufen). 

 

In den Siedlungen bot sich ein differenziertes Bild, es wurden 41 Arten (2023: 38, 2024: 32, 2025: 39  Arten) beobachtet, also ein recht hoher Wert, der für die erwähnte Winterflucht in den Siedlungsraum spricht. Hier kommt es nun häufig zur Vermischung von Arten aus verschiedenen Lebensräumen. Dazu gehören z. B. Stockente, Sperber, Kolkrabe, Eichelhäher, Rotdrossel, Waldmeisen oder Gimpel, die dann in den Orten z.B. an Futterstellen Nahrung finden oder dort auch Kleinvögel jagen wie z.B. Sperber. Zudem bieten Ortschaften vielfältige Strukturen für Deckung und Schutz, in diesem Jahr auch insbesondere vor der teils starken Kälte.

 

Es gab jedoch keine Massenvorkommen bestimmter Arten, wie Finkenschwärme oder Ansammlungen von Ringeltauben oder Meisen in den Parks bei Buchenvollmast. In den Parks der Ortslagen (Buchenpark Bansin,  Steinersberg Heringsdorf) trifft man zudem auf Waldarten, die dort teilweise später auch brüten.

 

Die hier aufgeführten Möwen ruhen häufig auf den Dächern der alten Villen, haben also einen Bezug zum Lebensraum. In diesem Jahr waren sie sogar ungewohnte Gäste an Futterstellen, wenn dort z.B. Haferflocken oder Brot zur Verfügung standen. Nach erster vorsichtiger Annäherung an den fremden Lebensraum Vorgarten setzte schnell ein Gewöhnungseffekt ein, immer wieder kreisten v.a. Sturmmöwen über dem Gelände und nutzten blitzschnell neu ausgelegtes Futter.

 

Auffällig waren die trotz der durchgängig harten Winterbedingungen nur wenigen Futterstellen, was vermutlich auch an den exorbitant hohen Preisen für Vogelfutter gelegen haben mag. So blieben dort erwartete höhere Konzentrationseffekte aus.

Mittelspecht an Futterstelle / ©Bernd Schirmeister
Mittelspecht an Futterstelle / ©Bernd Schirmeister

Im Offenland wurden 49 Arten (2023: 54, 2024: 53, 2025: 60 Arten) gezählt, die höchste Artenzahl für einen der bearbeiteten Lebensräume, aber die geringste Artenzahl der letzten Jahre. Hier spielt natürlich die Habitatqualität eine entscheidende Rolle, ob ausgeräumte Agrarlandschaft oder struktur-reiches Grünland mit Deckung und Nahrung ist für viele Arten der überlebenswichtige Unterschied. Gerade auf den an Ortslagen angrenzenden Zählstrecken (Benz, Thurbruch, Karlshagen) zeigte sich dieser Effekt mit kleinräumiger  Strukturvielfalt wie dichten Hecken und Gehölzen ebenfalls sehr deutlich, auch der Usedomer Eisenbahndamm ist diesbzgl. eine Oase in der Landschaft.

 

Ist das der Fall, kann man dort natürlich auch Arten beobachten, die sonst eher im Wald oder auch in Siedlungen angetroffen werden können, wie z. B. Meisen, Amseln und selbst Wintergoldhähnchen, manchmal nur in einzelnen Individuen, was den Beobachter dann gelegentlich verwundert. 

 

Zur Darstellung weiterer Zusammenhänge sei hier ausdrücklich auf die ausführliche Auswertung der Wintervogelzählung 2016 verwiesen.

4.1 Wasservögel

Insgesamt kamen 10 Arten zur Beobachtung (2023: 12, 2024: 14, 2025: 16 Arten), die geringste Anzahl überhaupt seit Beginn des Programms.

 

Wasservögel sind allerdings auch nicht Zielarten des Programms, das es für diese Artengruppen andere Erfassungsprogramme gibt, z.B. im Rahmen der internationalen Mittwinterzählung, des europaweiten Gänsezensus oder des deutschlandweiten Wat- und Wasservogelzählprogramms, bei dem ganzjährig Daten an wichtigen Rastplätzen wie dem Peenemünder Haken oder in den Poldern des Peenetals erhoben werden.

 

Trotzdem kommt man an Wasservögeln normalerweise nicht vorbei. Auf überschwemmtem Grünland oder auf Wiesengräben finden sie geeignete Rastplätze, in diesem Jahr jedoch nicht, alle Wasserflächen waren dick und dauerhaft zugefroren.

 

Nur eine Graugans, das gab es noch nie bei einer unserer Wintervogelzählung. Wie die Ergebnisse der Mittwinterzählung zeigten, hielten sich trotz vereister Gewässer und überfrorener Agrarlandschaft Gänse bei uns auf, aber in deutlich geringerer Zahl. Meist waren es nur kleine Trupps, die auf Nahrungssuche viel umherzogen. Aufgrund der anhaltenden strengen Winterwitterung kam es hier um den Monatswechsel Januar/Februar wie vorher auch schon nochmals zu ausgeprägten Winterfluchtbewegungen. Das trifft ebenso auf Höcker- und Singschwäne zu, unter den hier ausharrenden Schwänen gab es große Verluste durch Verhungern, nicht durch die Vogelgrippe, wie in den Medien wiederholt unterstellt wurde.

 

Zu Stockenten und Möwen wurde eingangs bereits etwas gesagt. Not macht erfinderisch, aber als selbst die Ostsee großflächig mit Eis bedeckt war, zogen die zur MWZ noch zahlreichen Möwen in Richtung Westen ab.

 

Kraniche wurden erstmals seit 2017 nicht bei der Wintervogelzählung festgestellt. So hatten etliche noch zum Jahreswechsel im Thurbruch anwesende Revierpaare das Gebiet geräumt. Weit werden sie nicht sein, im Westen des Landes halten sich auch unter solchen extremeren Bedingungen zahlreiche Kraniche auf, aber hier ging es nicht.

4.2 Greifvögel und Eulen

Seeadler über Grünland zwischen Trassenheide und Karlshagen / ©Jana Freitag
Seeadler über Grünland zwischen Trassenheide und Karlshagen / ©Jana Freitag

Insgesamt kamen wie 2024 6 Arten zur Beobachtung (2022: 7, 2023: 6 und 2025: 8 Arten). Die nachfolgenden Zahlen in Klammern mit Schrägstrich geben jeweils die Anzahl bei der ersten bzw. zweiten Zählung registrierten Individuen an.

 

Häufigste Art war in diesem Jahr wieder der Mäusebussard mit 23 Ind. (2022: 12, 2023: 15, 2024: 18, 2025: 19 Ind.) und recht ausgeglichener Verteilung bei beiden Zählungen (13/10). Dabei dürfte es sich überwiegend um die heimischen Reviervögel und  ihre vorjährigen Jungvögel gehandelt haben,. Nennenswerten Zuzug gab es auch andernorts nicht, über witterungsbedingte Verluste wurde nichts bekannt, wenngleich die Nahrungssuche durch die vereisten Boden schwierig gewesen sein wird.

 

Seeadler sind insgesamt 9 (2/7) beobachtet worden (2023: 15, 2024: 19, 2025: 20 Ind.). Auch zur MWZ waren es weniger als in den Vorjahren. Als Nahrungsgrundlage fehlten Gänse und auch Fische waren nicht erlangbar, die zahlreichen verendeten Wasservögel reichten wohl trotzdem nicht für alle Adler.

 

Regelmäßig im Winter tritt bei uns noch der Sperber auf, mit 6 (3/3) Ind.. Seit 2018 liegt die Zahl der jährlich nachgewiesenen Sperber zwischen 3 und 7, als fast reinem Vogeljäger steht ihm diese Beute auch in allen Lebensräumen zur Verfügung. Besonders in Ortschaften mit den zahlreichen Kleinvögeln und dann gern auch an Futterstellen, wo er als Schleich- und Überraschungsjäger erfolgreich die kalte Jahreszeit meistert. Die im Winter hier anwesenden Sperber stammen überwiegend aus Skandinavien und dem Baltikum, wie Ringfunde zeigen. Unsere heimischen Brutvögel ziehen im Herbst südwestwärts.

 

Der Rotmilan war mit 4 (0/4) deutlich seltener als in den Vorjahren, (2024: 12, 2025: 11 Ind.), fehlte aber trotz der harten Winterbedingungen nicht. Früher fast reiner Zugvogel mit Winterquartieren in Spanien und Südfrankreich,  gibt es heute z.B. in Sachsen in jedem Winter bereits kopfstarke Schlafplätze. Aber diese Tendenz ist auch hier unübersehbar, überraschend nicht nur in milderen Wintern, denn zur MWZ wurden sogar 16 Rotmilane beobachtet. Inzwischen ist der Rotmilan seit 2019 durchgehend auf unseren WiVoZä-Strecken präsent, während es seit 2010 vorher nur in drei Jahren Nachweise gab.

 

Raufußbussarde gab es nicht, ebenso keine Kornweihe. Der Kornweihen-Schlafplatz (SLP) im Peenetal bei Anklam war mit bis zu 20 Ind. wieder gut besetzt, ähnlich wie an der Müritz. Zur MWZ konnten inselweit 5 Kornweihen gesehen werden, aber überwiegend im Inselsüden, die wohl vom SLP bei Anklam kommend in der weiteren Umgebung großflächig nach Nahrung suchten. Die Kornweihen stammen aus Skandinavien oder östlichen Regionen, als Brutvogel ist sie aus M-V verschwunden.

 

Ein besonderes Erlebnis sind immer Beobachtungen von Wanderfalken (1/0), nach jahrelang nur Durchzugs- und Winterbeobachtungen brütet die Art inzwischen auch wieder in M-V und erfreulicherweise nach 50jähriger Abwesenheit sogar seit einigen Jahren erfolgreich wieder auf der Insel Usedom, inzwischen sogar mit zwei Paaren. Bei dem Wanderfalken von der Zählstrecke im Thurbruch kann es sich durchaus um einen der Brutpartner gehandelt haben.

 

Erstmals wurde eine Schleiereule bei einer WiVoZä nachgewiesen, ein sogar am Tage nahe des Usedomer Eisenbahndamms jagendes Ind.. Schleiereulen sind eigentlich nachtaktiv, vielleicht hat Hunger durch die schwer erlangbare Mäusenahrung die Eule zu diesem ungewöhnlichen Verhalten veranlasst. Eine Verwechslung mit der häufiger tagaktiven Sumpfohreule schlossen die Beobachter aus.

4.4 Krähenvögel

Rabenkrähe - ein seltener Gast bei uns / ©Bernd Schirmeister
Rabenkrähe - ein seltener Gast bei uns / ©Bernd Schirmeister

Krähenvögel wurden in allen untersuchten  Lebensräumen angetroffen, was für die hohe ökologische Anpassungsfähigkeit dieser Artengruppe spricht. Sieben verschiedene Arten wurden gesehen (in den Vorjahren immer sechs Arten). Die Krähenvögel sind in diesem Jahr das beeindruckendste Beispiel dafür, wie eine Artengruppe ein einzelnes Zählgebiet, aber auch die Gesamtbilanz dominieren kann. Von insgesamt 13192 erfassten Vögeln waren 8428 Ind. Krähenvögel, das sind knapp 64%. Davon wurden allein am bekannten SLP Bansin 7411 Corviden bei den morgendlichen Abflügen gezählt. Der SLP- Bestand setzt sich dabei aus drei Arten in unterschiedlicher Anzahl zusammen:

  • Saatkrähe (1050/3400)
  • Dohle (340/1100)
  • Nebelkrähe (180/1300)

Genutzt werden Bereiche mit höheren Bäumen um den Schloonsee (Pappeln, Kiefern, Erlen) sowie das anschließende Dünengelände an der Promenade. Beim morgendlichen Erfassen ist nun hohe Pünktlichkeit gefragt. Mit dem Erreichen einer bestimmten Helligkeitsstufe kommen sie geflogen, zuerst meist Nebelkrähen, einzeln, dann in Trupps, zum Glück meist rufend, damit man sie von den bei Tagesanbruch noch schwer zu unterscheidenden Saatkrähen differenzieren kann. Dann wird es richtig laut, Saatkrähen und Dohlen steigen unter intensiven arttypischen Gesang in größeren Pulks hoch, kreisen nochmal in dichter Formation, bevor sie immer in westliche Richtungen verschwinden. Manchmal sind es aber auch langgezogene Bänder, anhand der Rufe und der unterschiedlichen Größe lassen sich beide Arten unterscheiden. Aber Zählen und Artdifferenzierung  ist herausfordernd. Kommt man nur um Minuten zu spät, hat man die Hälfte verpasst. Den Abschluss bilden wieder trödelnde Nebelkrähen, offenbar die Langschläfer. Das ganze Spektakel dauert in der Hauptmasse lediglich eine gute Viertelstunde.

 

Frappierend sind die enormen Unterschiede zwischen erster und zweiter Zählung in Bansin (1582/5829). Dafür kommt als Erklärung nur die winterliche Witterung in Frage. Offenbar war der Winter in östlichen Regionen (Polen, Baltikum, Russland) noch härter, so dass größere Bestände an Corviden zum Abwandern gezwungen waren, um hier die kalte Jahreszeit zu verbringen. Man staunt, wie sie es machen, solche Vogelmengen brauchen täglich allerhand Nahrung. Nimmt man nur einmal 100g/Ind. an, sind das allerhand Kilos jeden Tag und das über Wochen. Animalische Nahrung stand bis auf gelegentlich Kadaver kaum zur Verfügung, also musste vegetarische Ernährung funktionieren - trotz kräftiger Schnäbel wohl nicht einfach bei vereistem Boden.

 

Der SLP ist zumeist bis Ende Februar besetzt, bei milder Witterung erfolgt ein Teilabzug auch schon Ende Januar, in früheren Jahren manchmal auch erst im März. Der Einzugsbereich dieses SLP umfasst offenbar großflächig die weiträumige Agrarlandschaft über das Thurbruch bis an das Stettiner Haff, Pudagla, Balm bis in den Lieper und den Usedomer Winkel, wie Sichtbeobachtungen unmittelbar im Anschluss an den morgendlichen Abflug sowie Tagesbeobachtungen zeigen. Dabei gibt es selten hohe Konzentrationen, aber überall auf geeigneten Flächen können Corviden angetroffen werden, eine Gesamtzahl wäre hier nur schwer zu ermitteln. Zumal es weitere SLP auf der Insel gibt: am Kölpinsee, bei Zinnowitz/Mölschow, früher auch bei Ahlbeck (jetziger Status unbekannt) sowie im polnischen Swinemünde. Ob es zwischen diesen Plätzen Austauschbewegungen gibt, ist unbekannt.

 

Die Art mit der höchsten Stetigkeit und weitesten Verbreitung ist die Nebelkrähe mit 2012 (388/1624) Ind., (2024: 886, 2025: 1064  Ind.). Die Nebelkrähe als Nahrungsopportunist weiß viele verschiedene Lebensräume und Nahrungsquellen zu nutzen, vom Spülsaum am Strand, zum Komposthaufen im Ort, über Äcker und Wiesen in der Agrarlandschaft, Waldrändern, bis hin zum überfahrenen Wild am Straßenrand. Im Vergleich zum hohen SLP- Bestand werden die Siedlungen nur in geringerem Umfang am Tage zur Nahrungssuche genutzt.

Saatkrähe / ©NABU Dr. Christoph Moning
Saatkrähe / ©NABU Dr. Christoph Moning

Saatkrähen kommen auf Usedom nur noch als Wintergäste v.a. aus dem Baltikum und Osteuropa vor. Die ehemalige große Kolonie im Wolgaster Stadtgebiet ist schon lange erloschen, auch Umsiedlungen auf stadtnahe Inselbereiche blieben nicht erfolgreich. Die nächste beständige Kolonie befindet sich in Anklam. Mit 4728 Ind. (2024: 2892, 2025: 2328 Ind.)  ist sie die häufigste aller Arten. Saatkrähen nutzen Ortschaften noch in wesentlich geringerem Maße als Nebelkrähen zur Nahrungssuche.

 

Neu im Artenspektrum der WiVoZä ist die Rabenkrähe, mit zwei Ind. in diesem Jahr. Rabenkrähen, Corvus corone corone und Nebelkrähen Corvus corone cornix bilden als Unterarten die gemeinsame Art Aaskrähe, Corvus corone. Dabei ist die Nebelkrähe typisch grauschwarz, während die Rabenkrähe nur schwarz ist und damit leicht mit der Saatkrähe verwechselt werden kann. Interessanterweise bildet die Elbe eine Trennlinie zwischen den beiden Unterarten, westlich des Flusses kommen überwiegend Rabenkrähen und östlich vorwiegend Nebelkrähen vor - mit einer breiten Zone der Hybridisierung entlang beiderseits des Flusses. Hybriden werden auch auf Usedom regelmäßig beobachtet, während phänotypisch reine Rabenkrähen hier sehr selten sind.

 

Dohlen sind bei uns sehr seltene Brutvögel (wichtigste Brutplätze in der Region sind die Reste der Karniner Hubbrücke, wo es eine Kolonie von ca. 15 BP gibt und die Kirche in Lassan mit 10- 12 BP). Diese Dohlen erfahren im Winter Verstärkung v.a. aus östlichen Regionen. Im Winter sind sie oft mit Saatkrähen vergesellschaftet und nutzen gemeinsame Nahrungsgebiete in der Agrarlandschaft  und Schlafplätze.

 

Insgesamt 1568 Ind. zeigen, dass es anderswo offenbar noch gute Dohlenbestände gibt, wobei wir über den genauen Einzugsbereich dieser Wintervögel keine detaillierten Kenntnisse haben. Auffällig ist das scheinbar völlige Fehlen in anderen Offenlandgebieten, gibt es in unserer Kulturlandschaft nirgendwo weiter Dohlen?

4.5 Singvögel

Zu dieser Vogelgruppe gehören auch die vorstehend gesondert besprochenen Krähenvögel. Singvögel sind die artenreichste Gruppe und stellen mit 31 Arten (2022: 27, 2023: 30, 2024: 32, 2025: 41 Arten) über die Hälfte aller registrierten Arten. Manche Arten werden dabei oft nur in Einzelexemplaren registriert oder fehlen jahrweise.

Drosseln, Meisen und Finken bildeten die zahlenmäßig stärksten Gruppen. Einige Beispiele sollen das erläutern:

 

Amseln wurden 406 (223/183) gezählt, (2023: 192, 2024: 178, 2025: 299 Ind.). Ein neuer Höchstwert, der den bisherigen aus dem Vorjahr nochmals deutlich übertrifft. Der Durchschnittswert über alle Zählungen liegt bei 162 Amseln pro Jahr. Dabei wurden nur in den beiden  Ortschaften 198 Amseln beobachtet, mit hoher Stetigkeit bei beiden Zählungen. Diese großen Anzahlen sind auf dortige Konzentrationseffekte auf Grund günstiger Nahrungsverhältnisse (Fallobst, Komposthaufen, beerentragende Sträucher, Futterstellen) zurückzuführen. So hielten sich allein an meinem Futterplatz in Bansin zeitweise bis zu 15 Amseln auf, das ist rund ein Viertel des Winterbestandes im Ort. Im Wald waren es 31 Amseln, da gab es nichts zu beißen für die Weichfresser. Im Offenland immerhin 177, mit ebenfalls starken Konzentrationen an beerentragenden Gehölzen und Hecken (Gnitz, Usedomer Eisenbahndamm). Auf der Thurbruchstrecke waren es v.a. Hagebutten, durch den Frost weich geworden, aber auch schnell abgeerntet, so dass dort bei der ersten Zählung 21 und bei der zweiten nur noch 3 Amseln angetroffen wurden.

 

Rotkehlchen waren es insgesamt 50 (35/15) Ind.,  (2022: 39, 2023: 37, 2024 und  2025 je 48 Ind.). Die recht versteckt lebende Art lässt sich am besten durch ihre Rufe nachweisen. V.a. in den Ortschaften waren Rotkehlchen auf den Zählstrecken regelmäßig anzutreffen. Dabei handelt es sich jedoch in den meisten Fällen nicht um unsere heimische Brutpopulation, die in Südeuropa überwintert, sondern um Zuzug aus nördlichen und östlichen Regionen. Die Rotkehlchen besetzen hier dann ein Winterrevier, dass vehement gegen Artgenossen verteidigt wird. So wird man nur selten mal zwei Rotkehlchen am Futterhaus antreffen. Die auffallenden Unterschiede zwischen den Zählungen sind vermutlich erfassungsbedingt.

Wintergoldhähnchen / ©C. Moning
Wintergoldhähnchen / ©C. Moning

Wintergoldhähnchen waren es 146 (93/53) Ind., (2025: 309 Ind.). Dabei wurden in den letzten beiden Jahren erstmalig überhaupt dreistellige Zahlen bei dieser Art registriert. Vorher lag der Jahres-durchschnitt bei 70 Wintergoldhähnchen. Vielleicht eine neue Tendenz der verstärkten Überwinterung, die zeigt, dass die kleinsten Vögel Europas hier auch strenge Winter gut überleben können. Bei der Nahrungssuche schwirren sie oft kolibriartig von den Zweigen der Nadelbäume, um dort kleinste Nahrungstiere abzusammeln und ziehen in kleinen Gruppen ständig umher, oft mit Meisen verge-sellschaftet.

Bei diesen Wintergoldhähnchen handelt es sich fast ausschließlich um Wintergäste aus den großen skandinavischen Nadelwäldern.

 

Die Kohlmeise ist neben Amsel und Nebelkrähe die Art mit der höchsten Stetigkeit, kein Zähler kam ohne Kohlmeisen nach Hause. Insgesamt wurden 723 (407/316) Kohlmeisen registriert (2023: 858, 2024: 737, 2025: 928 Ind.). Weniger als im Vorjahr, aber noch deutlich über dem Durchschnitt aller Jahre, der bei 634 Kohlmeisen liegt. Die Unterschiede dürften weniger in der Winterwitterung zu suchen sein, als vielmehr in der zur Verfügung stehenden Nahrung. Dabei wurden in den Siedlungen (zwei Strecken) 297, im Wald (zwei Strecken) 257 und im Offenland (sechs Strecken) 169 Kohlmeisen gezählt. Ein Indiz auch für die hohe ökologische Anpassungsfähigkeit der Art. In Siedlungen werden Futterstellen in hohem Maße genutzt, aber auch in Gärten und Parks trifft man die Art an. Im Wald ziehen die Kohlmeisen gemeinsam mit anderen Arten unstet umher, zumal das Nahrungsangebot und deren Erreichbarkeit in diesem Jahr deutlich eingeschränkt waren.

 

Im Offenland braucht es Strukturen wie Sträucher und Hecken, Baumgruppen zum Schutz und für die Nahrungssuche. Tendenzen waren nicht erkennbar, so gab es in allen untersuchten Lebensräumen teils hohe Stetigkeit (Siedlung Bansin, Offenland Benz, Grünland Karlshagen), aber auch gegenläufige Daten.

 

Blaumeisen wurden 326 (176/150) gezählt, (2023: 199, 2024: 239, 2025: 282 Ind.). Ein hoher Wert, aber kein Ausreißer wie vergangene Jahre immer wieder zeigten. Der Durchschnitt aller Jahre liegt bei 225 Blaumeisen. Die Stetigkeit beträgt ebenfalls 100%, kein Zählgebiet ohne Blaumeisen. Her waren es in den Siedlungen 108, im Wald 104 und im Offenland 114 Ind., also eine ungefähre Gleichverteilung in den Lebensraumtypen, ähnlich wie im Vorjahr. Das Zahlenverhältnis zwischen Kohl- und Blaumeise beträgt 2,2 :1, im Durchschnitt aller Jahre 2,8 :1. 

Haubenmeise / ©Frank Derer
Haubenmeise / ©Frank Derer

Die anderen Meisenarten traten in deutlich geringeren Anzahlen auf:

 

Tannenmeise: 14 Ind. (2024: 12, 2025: 19 Ind.). Starke Einflüge kommen bei dieser Art unregelmäßig vor, wurden auf unseren Strecken aber bisher in keinem Jahr registriert.

 

Sumpfmeise: 21 Ind. (2024: 55, 2025: 12 Ind.), also offenbar mit jährlichen größeren Schwankungen, Durchschnitt aller Jahre: 15 Ind..

 

Haubenmeise; 22 Ind. (2024 und 2025: je 17 Ind.), erwartungsgemäß mit Schwerpunkten auf den beiden Waldstrecken.

 

Schwanzmeise 36 Ind. (2024: 29, 2025: 4 Ind.). Von dieser Art gab es im Herbst einen auffällig starken Einflug nord- und osteuropäischer Vögel der Unterart caudatus, die einen ganz weißen Kopf haben, im Gegensatz zu unseren mitteleuropäischen Schwanzmeisen, die streifenköpfig sind. Die Unterschiede zwischen den Zählungen (24/12) sind ein Indiz für die in kleinen Trupps rastlos umherstreifenden Schwanzmeisen, so dass auch Beobachtungen meist zufälligen Charakter haben. Dabei kommen sie durchaus auch an Vogelfütterungen, wie ein Trupp von sechs Schwanzmeisen in Bansin belegt, der über zwei Tage lang regelmäßig an ein Silo mit Erdnussbruch zum Fressen kam.

 

Zaunkönige kamen insgesamt 29 (22/7) zur Beobachtung (2023: 33, 2024: 40, 2025: 58 Ind.), deutlich weniger als in den Vorjahren, aber noch über dem langjährigen Durchschnitt von 26 Zaunkönigen. Seit 2018 waren es jedoch  immer über 30 Zaunkönige. Der anhaltend kalte Winter hat offenbar noch zu weiterem Abzug geführt, wie die geringe Zahl der zweiten Zählung verdeutlicht.

 

Haussperlinge wurden 1081 (611/470) erfasst (2023: 683, 2024: 641, 2025: 557  Ind.). Diese enorme Zahl stellt einen neuen Höchstwert im Erfassungszeitraum dar. Seit 2018 wurden immer deutlich über 500 Haussperlinge gezählt, der Durchschnittswert aller Jahre beträgt 550 Haussperlinge. Ursache könnte ein überdurchschnittlich guter Bruterfolg mit vielen Jungvögeln sein, denn Haussperlinge haben nur eine äußerst geringe Zugneigung und sind standorttreu. Diese Angaben verdeutlichen, ebenso wie die ebenfalls hohe Zahl der zweiten Zählung, dass wir hier offenbar noch stabile Bestände des Haussperlings haben, während in anderen Regionen bereits Abnahmen festgestellt werden. Die Art ist ja ausschließlich auf Ortschaften und deren Randlagen beschränkt. Im Laufe der Zeit lernt man die bevorzugten Aufenthaltsorte der Vögel gut kennen, oft sind das Bereiche mit dichten Hecken, die Schutz bieten und auch zum Schlafen genutzt werden.

 

Dabei sind die Sperlinge sehr flexibel, in Bansin sind es häufig Bereiche an der Promenade, die auch vom Menschen stark frequentiert werden (Fütterung). Bei kaltem Ostwind sucht man die Spatzen dann dort jedoch vergeblich, weil sie andere Plätze mit mehr Windschutz aufsuchen. So war es auch in diesem Jahr, bei der ersten Zählung traf man beispielsweise in Bansin die Haussperlinge in wenigen großen Trupps an, während sie im Februar weiter verteilt in kleineren Gruppen unterwegs waren.

Feldsperling / ©Arno v. Brill
Feldsperling / ©Arno v. Brill

Eschreckend ist der nach wie vor sehr geringe Bestand des Feldsperlings (2023: 33, 2024: 18, 2025: 35  Ind.) Mit nur 25 Ind. eine sehr geringe Zahl. In Ortschaften gibt es offenbar im Gegensatz zu früher (Heringsdorf) gar keine Feldsperlinge mehr, in der offenen Agrarlandschaft trifft man kaum auf Feldsperlinge. Ausnahme Umland von Benz mit 21 Ind.. Vergleichbare Ergebnisse zeigten sich auch bei  von der FG Greifswald langjährig betreuten WiVoZä- Strecken: kaum noch Feldsperlinge und ein krasses Missverhältnis zur Zahl der Haussperlinge. Brutmäßig unterliegen sie offenbar der Konkurrenz mit dem Haussperling, wie eigene Beobachtungen an einer  Nistkastenpopulation in Bansin zeigten. Bei der Stunde der Wintervögel des NABU wurden im Landkreis V-G 4185 Haus- und 1383 Feldsperlinge gemeldet, ein Verhältnis von 3:1. Eeigenartig, denn  in HGW Stadt beträgt es 181:1, in HGW Umland 1,6:1, bei uns insgesamt 43:1. Feldsperlinge führen durchaus auch Wanderungen durch, so werden selten sogar mal Hunderterzahlen aus der Feldmark gemeldet. Über deren Herkunft ist jedoch nichts bekannt und nach kurzer Zeit sind sie auch wieder verschwunden.

 

Grünfinken wurden 126 Ind. (61/65) beobachtet, (2022: 168, 2023: 131, 2024: 102, 2025: 159 Ind.), ein relativ niedriger Wert. Der Durchschnitt der ersten acht Jahre liegt bei 231 Grünfinken, der zweiten acht Jahre bei 179 Vögeln. Aber ob sich daraus eine generelle Abnahmetendenz ableiten lässt, muss (vorerst) offen bleiben. In anderen Regionen gibt es Bestandsrückgänge mit verursacht durch die meist tödlich verlaufende  Trichomoniasis, einen Parasiten. Andererseits gibt es regional hohe Ansammlungen wie im Januar mit 2000 Ind. auf einer Brache in Gahlkow bei Greifswald. Die Art tritt konzentrierter in den Ortschaften auf (76 Ind.), wo sie an Futterstellen ein häufiger Gast ist. Aber auch im Offenland trifft man die Art in geringerer Zahl an, wo sie als Körnerfresser Nahrung findet. Auf drei Zählstrecken wurde die Art jedoch überhaupt nicht festgestellt.

 

Erlenzeisige wurden 488 (162/326) registriert, (2022: 478, 2023: 1409, 2024: 214, 2025: 1030 Ind.). Der niedrige diesjährige Wert ordnet sich in die jahrweisen starken Schwankungen ein, die ausschließlich nahrungsbedingt sind. Das deuten auch die Unterschiede zur zweiten Zählung an, Nahrungsmangel heißt Umherstreifen oder Weiterzug, die Karawane zieht weiter. Erlen hatten zumindest regional wenig gefruchtet, so dass die Nüsschen schnell abgeerntet waren. Bei 13 von 20 Zählungen wurde die Art beobachtet. Dabei sind diese Erlenzeisige ausschließlich Wintergäste v.a. aus den  skandinavischen Weiten und Nordosteuropa, denn als Brutvogel ist die Art hier selten mit stark lückiger Verbreitung.

 

Stieglitze wurden 123 (47/76) gezählt, der zweithöchste Wert nach 198 im Jahr 2010. Die jährlichen Zahlen schwanken stark, insgesamt geht man landesweit jedoch von einer Zunahme aus. Das zeigen auch Beobachtungen von kopfstarken Schwärmen, oft mit anderen Finken oder Ammern vergesellschaftet, aber auch artrein, wie eine Beobachtung zur MWZ von ca. 300 Stieglitzen bei Welzin am Haff auf einer samenreichen Brache zeigte.

 

Goldammern wurden insgesamt 45 (31/14) gesehen, (2022: 105, 2023: 92, 2024: 13, 2025: 70 Ind.). Die jährlich stark schwankenden Zahlen sind typisch. Goldammern bilden im Winter oft Trupps wie im Vorjahr auf dem Gnitz (49 Ind.) und in diesem Jahr im Thurbruch (31 Ind.). Sie suchen dann im Offenland in Ruderalvegetation oder an Viehhaltungen nach Sämereien.

5. Besonderheiten

Die anhaltend hochwinterlichen Bedingungen werden wohl für alle Zähler als besonders in Erinnerung bleiben. Ansonsten gibt es hier wenig zu vermelden. Waren im Vorjahr noch Bachstelze, Zilpzalp und Sommergoldhähnchen dabei, fehlten in diesem Jahr sogar Seidenschwänze, obwohl es von der Art nach längerer Pause wieder einen stärkeren Einflug aus Nordeuropa gab.

 

Kiebitz: 1 Ind., (2022: 21, 2023: 7, 2024: 19, 2025: 18 Ind.). Mitte Januar 2025 zur Mittwinterzählung kamen sogar schon 319 Kiebitze zur Beobachtung. Bei der WiVoZä gab es einen Kiebitz im Schnee des Thurbruchs, der hoffentlich dem Winter noch rechtzeitig entfliehen konnte.

 

Singdrossel: 2 Ind., bisher bei der WiVoZä erst in drei Jahren überhaupt nachgewiesen, dabei jedoch 2025 gleich mit 4 Ind.

 

Die Beobachtung gelang  unter diesen hochwinterlichen Bedingungen völlig unerwartet  in Bansin, wo die Singdrosseln gemeinsam mit Amseln von den roten Früchten des Schneeballs fraßen. Wenn also genug Beerennnahrung verfügbar ist, kann es auch für einen solchen eigentlich in Südeuropa überwinternden Zugvogel hier Überlebenschancen geben, vielleicht auch eine neue Entwicklung im Rahmen des Klimawandels.

Grauammer / ©Dr. C. Moning
Grauammer / ©Dr. C. Moning

Misteldrossel: Erstnachweis bei unserer WiVoZä, ebenfalls eher ein Zugvogel, der in den Mittelmeerländern überwintert. Gelegentliche Winteraufenthalte kommen jedoch regelmäßiger vor als bei der vorigen Art. Meist sind es Einzelvögel wie hier auf dem Usedomer Eisenbahndamm, dann oft vergesellschaftet mit anderen Drosselarten. Auch bei der diesjährigen MWZ gab es bereits eine solche Beobachtung in den Murchiner Wiesen, als unter Wacholder- und Rotdrosseln eine einzelne Misteldrossel auf einer Eisfläche Nahrung suchte, wohl verwehte Samen.

 

Grauammer: 1 Ind., (2025: 2 Ind.). Eigentlich nicht untypisch für den Winter kann sie ähnlich wie die Goldammer an nahrungsreichen Plätzen (Ruderalvegetation mit samentragenden Stauden, Häfen mit Getreideumschlag) teils kopfstarke Ansammlungen bilden. Das ist in der hiesigen Landschaft offenbar nicht der Fall. Die Beobachtung gelang nicht von ungefähr bei Benz, besteht doch in der Agrarlandschaft zwischen Benz - Reetzow - Labömitz einer der Brutschwerpunkte auf Usedom mit jährlich 10- 12 Revieren.

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Auswertung 2026
Wintervogelzählung 2026 Usedom.pdf
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Bericht und Auswertung: Bernd Schirmeister