Am 28.03.26 war es nun endlich soweit. Die langwierigen Vorbereitungen wurden in die Praxis umgesetzt. Wir trafen uns um 08:30 Uhr am Jachthafen in Netzelkow am Achterwasser. Gekommen waren etliche Mitglieder der Usedomer NABU-Gruppe, unterstützt von weiteren Interessenten aus dem Freundes- und Verwandtenkreis, insgesamt erfreuliche 17 Personen.
Das Wetter spielte ebenso erfreulich mit, zwar noch vorfrühlingshaft frisch, aber morgens etwas Sonne, später Wolken, aus denen jedoch erst am Nachmittag Regen fiel. Der Wind war schon morgens mäßig mit wieder langer Wirklänge aus Westen, aber er blieb in dieser Stärke, so dass nur gelegentlich Wasser über den Ponton schwappte.
Bevor es jedoch aufs Wasser ging, fand durch den Hafenmeister, Rico Ernst, eine Unterweisung über die durchzuführenden Arbeiten statt. Es konnten noch Fragen gestellt werden, denn trotz Informationen per Mail im Vorfeld war nicht jeder so detailliert an den Vorbereitungen beteiligt gewesen. Während der Erläuterungen konnte sich jeder Teilnehmer Gedanken über sein Betätigungsfeld machen, denn es galt doch, ein sehr üppiges und unterschiedliches Aufgabenspektrum zu bewältigen.
Das umfangreiche Material hatte Rico bereits per Radlader an die Verladekante transportiert. Über einen wackligen Arbeitsponton wurde alles auf sein Boot gebracht.
Währenddessen starteten bereits die landgestützten Aufgaben, alles sinnvollerweise überwiegend in Teamarbeit, was sich aber schnell sortierte und zusammenfand.
Im Umfeld des Netzelkower Hafens sind seit längerem, wie fast überall auf der Insel, Biber heimisch. Aktuell waren die Schäden aber besonders drastisch, denn mehrere starke Pappeln waren kürzlich durch ihn gefällt worden.
Wir hatten noch Restmaterial vom letzten Einsatz am Wolgastsee übrig. Zudem hatte Rico eine weitere Rolle Weidezaun besorgt, so dass ausreichend Zaun zur Verfügung stand. Der sehr starke Draht dieser Rolle stellte dann allerdings hohe Anforderungen an die Frauen beim Ummanteln der Bäume. Aber die Gruppe war richtig gut. Alle starken Pappeln und selbst der größere Baumbestand direkt am Hafen konnte vor weiteren Fraßschäden geschützt werden.
Ein anderes Team beschäftigte sich unterdessen mit dem Spanndraht, der später für den Schutzzaun auf dem Ponton benötigt wurde.
Kurzfristig hatten wir die Idee verworfen, den vorhandenen 4 mm dicken Spanndraht zu verwenden, da er sich doch sehr schwer verarbeiten lässt. So hatte Rico 200 m neuen Draht besorgt, der nur 2 mm dick war. Diese Variante stellte sich beim späteren Verarbeiten als genau richtig heraus. Der Draht war nun auszumessen und auf die benötigte Länge von 35 m zuzuschneiden, wovon vier Stücke erforderlich waren.
Die nächste Gruppe beschäftigte sich mit dem Schutzzaun für die Seeschwalben. Eine Rolle hatten wir bereits am Mittwoch vorbereitet. Nun war die zweite an der Reihe. Da die Rollen einen Meter breit waren, konnten wir sie halbieren, so dass aus einer 25 m Rolle 50 m Zaun gewonnen wurden, bei insgesamt knapp 70 benötigten Metern.
Die Funken sprühten bei der Arbeit mit dem Trennschleifer. Damit die aufgetrennten Teilrollen nicht rollten, mussten sie entsprechend fixiert werden.
Inzwischen hatte Ricos Arbeitsboot bereits erstmals abgelegt und den Bohrtrupp auf den Ponton gebracht. Doch dazu später.
Eine wichtige Rolle spielte heute auch Sand, viel Sand.
Flussseeschwalben siedeln bevorzugt auf sandig-kiesigen Substraten, auf denen sie ihre Nester bauen und eine gute Rundumsicht haben. In Ermangelung dessen nutzen sie auch Grasland in Seevogelschutzgebieten, aber Sand bleibt die erste Wahl.
Sand war auf dem Gelände vorhanden und Rico hatte bereits den Radlader mit einer vollen Schaufel am Anleger postiert. Der Sand musste nun in die zahlreich mitgebrachten Eimer gefüllt und auf das Boot gebracht werden. Das war eine Daueraufgabe während des gesamten Einsatzes.
Damit die Sandmengen die Arbeiten auf dem Ponton nicht behindern, wurde er zunächst als schmaler Wall mittig auf dem Ponton geschüttet.
Ricos Arbeitsboot erwies sich für die zahlreichen Transporte bald als zu klein, so dass er noch ein zweites Boot organisierte, damit sich die zahlreichen Transportfahrten wesentlich effektiver gestalten ließen. Dieses Boot gehört Klaus Grönken, der später auch noch selbst am Einsatz teilnahm, mit klugen Gedanken und als Bootsführer eine wertvolle Unterstützung war.
Was passierte nun aber alles auf dem Wasser oder besser gesagt, auf dem Betonponton?
Inzwischen hatte Rico weitere Fahrten zum Ponton zurückgelegt und neue Teams, Werkzeug und Equipment herantransportiert, so dass sich der Ponton füllte.
Mehrfach hin- und herpendelte dabei auch Thomas, der seine Filmkamera im Einsatz hatte, alle Arbeitsschritte filmisch dokumentierte, so dass wir nicht nur Fotos, sondern auch bewegte Bilder von der Aktion haben.
Bohren der Löcher für die Zaunpfosten:
Im Abstand von 1,80 m musste jeweils ein 18 mm dickes Loch mittig in die umlaufende Holzumrandung gebohrt werden. Bei knapp 70 m Gesamtlänge allerhand Löcher. Dafür hatten wir uns eine richtig starke Akkubohrmaschine bei einem Baumaschinenverleih ausgeliehen, da unsere handelsüblichen Akkubohrmaschinen dem nicht gewachsen waren. Mussten sie aber doch. SDS, SDS plus, SDS max- Bohrsysteme- jedenfalls passte ein Adapter nicht, so dass die superbe Bohrtechnik und unser Plan im Kasten blieben. Nun dauerte es länger, aber schließlich waren alle Löcher gebohrt.
Ein Loch musste an der nördlichen Stirnseite in den Beton gebohrt werden, auch ohne Bohrhammer. Eine besonders schwierige Aufgabe, die Felix glücklicherweise erfolgreich meisterte.
Einsetzen der Pfosten:
Die Pfosten für den Zaun bestanden aus hochwertigem Stahl, ehemaliges Bohrgestänge von der Erdölförderung auf dem Gnitz, glücklicherweise mit schon vorhandenen und für unseren Zweck passenden Löchern für den Spanndraht.
Stangen mit uraltem Wälzlagerfett einschmieren, mit einem kräftigen Hammer einschlagen, dabei die markierte Tiefe beachten und auch die Richtung der Bohrungen, damit der Spanndraht durchgezogen werden konnte.
Spanndraht durchziehen:
Einen ziemlich zappeligen Draht durch das oberste Loch, einen Draht durch das unterste Loch fummeln, bei jeweils 35 m Gesamtlänge- das ging auch nur in Teams. Zum Schluss wurden die Drähte mit Spannhaken zum besseren Halt an den Ecken abgespannt. Dank sehr guten handwerklichen Knowhows von Frank und Bernd wurde auch diese Aufgabe gemeistert.
Maschendrahtzaun einhängen:
Eigentlich war geplant, Spanndraht und Zaun gleichzeitig zu befestigen, in dem der Draht oben und unten von Pfosten zu Pfosten durch den Zaun gefädelt wird. Nach einem Meter war klar, das funktioniert nicht.
So mussten wir den Zaun nachträglich befestigen. Das ging nur mit Draht, von dem genug vorhanden war. Also wurde der Zaun um die Pfosten verrödelt und ebenso jedes Zaunfeld dazwischen oben und unten mit jeweils drei bis vier Drähten fixiert. Dafür brauchte es viele helfende Hände und reichlich Zeit.
Die Bohrlöcher wurden an den Pfosten auf dem Holz mit Silikon versiegelt, um zu verhindern, dass an der Bohrung Wasser eindringen und das Holz beschädigen kann.
Nun war der Zaun tatsächlich fertig und sah richtig schick und funktionell aus. Die Küken können nicht mehr ins Wasser fallen, solange sie nicht halbwegs flügge sind.
Brutbiotopgestaltung:
Ständig waren mit den Booten eimerweise Sandladungen herantransportiert worden, die erst einmal nur geleert und aufgeschüttet werden konnten. Dazu auch Tonröhren und verschieden dicke und lange Taue.
Nun herrschte Baufreiheit und der Sand wurde gleichmäßig auf dem Boden des Pontons verteilt und glatt geharkt. Um die Küken später vor Hitze, Starkregen und Wind zu schützen, sollten eigentlich kleine Hüttchen aus Holz gebaut werden, ähnlich wie in der Flussseeschwalbenkolonie am Banter See in Wilhelmshaven. Rico hatte aber besseres Material, ehemalige Tonrohre aus einer alten Drainage, ca. 40 cm lang und 12 cm dick, die nach einer gründlichen Reinigung sofort verwendbar waren. Wir bauten nun an mehreren Stellen kleine Gruppen aus Tonröhren und verlegten dazwischen auch noch einzelne Röhren für die hoffentlich zahlreichen Küken.
Jetzt wurden Taue auf dem Ponton verlegt, Achten, Schlingen, Kreise, Bögen- möglichst viele und abwechslungsreiche Strukturen. Damit hatte Rico im vorigen Jahr bereits gute Erfahrungen gemacht. Sie dienen als Nisthilfen. Die Flussseeschwalben bauen ihre Nester gern in die Taue oder an den Tauen, was zusätzlichen Schutz vor Spritzwasser und Deckung vor Luftprädatoren bietet.
Alles ging auch ohne Unfälle oder Blessuren über die Bühne, so dass die mitgeführte Verbandstasche nicht benötigt wurde.
Fertig, in gut fünf Stunden, weil alle sehr gut mitgedacht und mitgemacht hatten.
Naja, nicht ganz fertig.
Der Schutz des Pontons vor Raubwild ist noch ein Thema. Insbesondere der Mink, der ausgezeichnet schwimmt und klettert, darf hier nicht unterschätzt werden. Zum Schutz der Brutkolonie wird auf der den Ponton umschließenden Holzumrandung später Stacheldraht befestigt, der dem Mink und ebenso anderen schwimmenden Raubsäugern einen Aufstieg und damit das Überklettern des Zaunes unmöglich machen soll.
Auf dem Ponton befindet sich in jeder Ecke eine Luke zum Verankern, mit einem Deckel aus Stahlblech angeschraubt. Davon sind drei Deckel dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen. Sie müssen verschlossen werden, um dem Mink hier keinen Einstieg auf den Ponton zu ermöglichen. Wir fertigten aus dem restlichen Zaunmaterial passende Gitter an, von denen eins gleich angeschraubt werden konnte. Die restlichen müssen später befestigt werden, weil die Schrauben fehlen.
Bei der unteren Naturschutzbehörde des Landkreises wurden zwei Schilder bestellt. Sie sollen v.a. wasserseitig ankommende Wassersportler auf den Brutstandort aufmerksam machen und auf das Anlandeverbot hinweisen. Die Schilder werden nach Erhalt befestigt.
Also ein paar Aufgaben bleiben noch.
Nun ging es ans Ausschiffen. Menschen und Material wurden wieder ans sichere Ufer gebracht.
Was hatten wir noch im Gepäck?- Bratwürste, Brot und Brötchen, allerlei frisches Gemüse und als Nachtisch Süßigkeiten.
Ein Grillmeister hatte sich auch bereits gefunden und der verführerische Duft lockte alle herbei. Bequeme Sitzmöbel standen auf dem Außengelände des Jachthafens ausreichend zur Verfügung- verdiente Mahlzeit für alle nach getaner Arbeit, lecker und reichlich.
Jeder packte seine Siebensachen wieder zusammen und dann fing es auch schon an zu regnen. Danke Petrus.
Ein ganz großes Dankeschön aber vor allem an alle fleißigen und umsichtigen Helfer, ohne die dieser anspruchsvolle Arbeitseinsatz nicht hätte so gelingen können.
Wir sind nun gespannt auf die Flussseeschwalben.
Ach so, Vögel gab es natürlich auch.
Auf der nahegelegenen Insel Görmitz befindet sich momentan ein Tagesrast- und Schlafplatz von ca. 3000 Weißwangengänsen.
Immer wieder flogen kleinere Gruppen zur Nahrungssuche mit den arttypischen Rufen über uns hinweg. Später waren alle Weißwangengänse auf der Insel, was Seeadler anlockte, so dass die Gänsemassen als geschlossene Wolke immer wieder unter lautstarken vielstimmigen Geschrei aufflogen, eine Runde drehten und erneut auf dem Grünland einfielen.
Warum sind die Weißwangengänse noch hier? Weil in ihrer hochnordischen Brutheimat entlang der Eismeerküste und den vorgelagerten Inseln noch Hochwinter herrscht. Sie fressen sich hier Fettreserven für den noch langen Weiterflug an, der sie dann Ende April/Anfang Mai wieder in die Arktis führt.
Bericht: Bernd Schirmeister
Fotos: Bernd Schirmeister, Felix Quade, Kathrin Räsch, Jana Freitag