Die Wintervogelzählung der OAMV (Ornithologische Arbeitsgemeinschaft Mecklenburg-Vorpommern) ist, noch vor der „Stunde der Wintervögel“ und der Mittwinter-Wasservogelzählung, der Weckruf ins Zählungsjahr: Eine selbst ausgewählte Strecke wird Anfang Januar und Anfang Februar abgelaufen und jeder sich dort zeigende oder zu hörende Vogel wird aufgelistet.
Die Strecken und ihr Besatz an Vögeln wird uns Zählern natürlich im Laufe der Jahre vertraut. Man weiß, wann sich wer wo besonders gern aufhält und wie sich der Unterschied zwischen Januar und Februar in den Zahlen zeigt.
Und doch kann es immer wieder anders kommen.
Im Februar zeigt sich in der Aktivität der Vögel meistens schon der Vorfrühling. Die Meisen singen sich fast gegenseitig von den Ästen, die Kleiber rufen hier und dort, die Buntspechte trommeln ihre Reviere fest und die Raben patrouillieren paarweise, laut rufend über ihren Revieren: Pralles Vogel-Leben!
In diesem Jahr ist all das anders. Schon Anfang Januar war es frostig, ungewöhnlich nach den vielen milden Wintern. Aber was würde mich jetzt im Februar auf meiner Zählstrecke erwarten? Die Landschaft liegt nach dem Eisregen der letzten Woche immer noch unter einem Eispanzer und viele der Bäume haben ihren (wunderschön glitzernden) Eismantel immer noch nicht abgelegt.
Der Frost war noch streng, der Wind ließ die Kälte noch eisiger wirken. Entsprechend dick war ich angezogen.
Meine Zählstrecke liegt größtenteils im Wald. Ein Teil gehört in den Siedlungsbereich, das meiste sind aber Waldwege und einen knappen Kilometer lang kann ich auf einem Fahrradweg gut laufen. Na, das mit dem guten Laufen war in diesem Fall schon spannend!
Seit ein paar Tagen bin ich stolze Besitzerin eines Sets Spikes, die man unter die Schuhe schnallen kann. So startete ich mit Stacheln an den Füßen in meine Zählung. Besser: Ich klapperte in die Zählung. Das Metall auf dem Boden war unüberhörbar. Im Siedlungsbereich waren viele Wege beräumt: keine Spikes nötig. Stattdessen war jedoch Aufmerksamkeit vonnöten. Ich war ja nicht wegen meines Schuhwerks dort, sondern um die Piepmätze zu zählen. Davon fanden sich im Siedlungsbereich dank der Vogelfütterungen etliche. Nur waren sie bei weitem nicht so häufig wie noch vor vier Wochen. Hoffentlich haben die fehlenden Vögel erfolgreich die Flucht in mildere Breiten geschafft und sind nicht alle Opfer des Winters geworden!
So klapperte ich weiter, bis ich zum Fahrradweg kam. Von dort an konnte ich mich nicht genug darüber freuen, dass ich die Spikes an den Füßen hatte. Egal ob Waldboden oder Fahrradweg, überall war der Boden mit einer dicken Eisschicht bedeckt. Teils war der Weg so spiegelblank, dass ich ihn mit Schlittschuhen hätte befahren können. Zur Vogelzählung wäre das dann aber doch recht unpassend gewesen.
Stimmt, ich war dort, um die Vögel zu zählen. Es ist ja nicht einfach mit dem Zählen. Um so viele Vögel wie möglich zu erwischen, darf man nicht nur mit den Augen suchen. Vor allem auf die Ohren kommt es an. Zum Hören braucht man natürlich möglichst Ruhe. Es war ruhig: keine Menschen unterwegs, kaum Wind. Und doch war die Ruhe fast zu intensiv dort im Wald: Kaum ein Vogelpieps war zu hören! Stattdessen hier ein Knistern: Nein, das war die Kapuze, als ich den Kopf drehte, dort ein Klacken: ach, das war nur der Deckel des Fernglases, der klackerte, als ich mich bewegte… Sonst Stille.
Was macht der Kopf, wenn er nichts hört? Ich weiß es jetzt: Er produziert Geräusche, ich hätte es vorher nicht geglaubt.
Volle Aufmerksamkeit war gefragt, alle dreißig Meter anhalten, um nichts zu verpassen. Und dann sah ich in der großen Stille, wie vor mir etwas zu Boden fiel. Ein Blick nach oben: dort saß ein Buntspecht und verspeiste schweigend seine Fichtensamen. Nun konnte ich auch das leise Hämmern hören, mit dem er den Zapfen bearbeitete. Ganz anders als das Reviertrommeln, das hoffentlich in nicht allzu ferner Zeit wieder zu hören sein wird!
Die Vögel müssen derzeit Energie sparen, da heißt es auch, weitmöglichst den Schnabel zu halten. So habe ich dann schweigsame Akteure entdeckt und notiert: Erlenzeisige und Kleiber, sonst gar nicht ohne Kontaktrufe denkbar. Ein Trupp Wintergoldhähnchen streifte durch die Fichtenkronen. Das vertraute hohe Wispern war nur zu erahnen. Auch die Meisen waren viel stiller als sonst.
Da war es doch befreiend, das Gekrächze der Krähen zu hören. Weswegen machten sie denn solch ein Spektakel? Da tauchte er auf, der Kolkrabe, laut sein „Rab! Rab!“ verkündend. Es ist also doch noch was in Ordnung in der Vogelwelt. Wie gut!
Text und Fotos: Kathrin Räsch