
Normalerweise schreiben wir unsere Berichte von den Arbeitseinsätzen ja nach dem Arbeitseinsatz. Das macht normalerweise ja auch Sinn.
Aber in diesem Fall liegt ein Berg an Arbeit, Denken und Planen und ein riesiges Stück Vorfreude schon hinter uns, auch wenn wir noch nicht wissen, wie das alles ausgeht.
Netzelkow ist ein kleines Dörfchen auf dem Gnitz. Da gibt es viel Ruhe. Nur am Yachthafen, da gibt es seit mehreren Jahren im Sommer ziemlichen Lärm. Zu den allgegenwärtigen Möwen haben sich Flussseeschwalben gesellt. Die Möwen fliegen dort nur vorbei, auf der Suche nach Futter. Die Seeschwalben hingegen haben dort eine Stelle gefunden, an der es sich lohnt zu brüten.
Um die dort liegenden Schiffe vor zu starkem Wellenschlag zu schützen, wurden Pontons im Wasser verankert: große Betonplattformen, die einigermaßen Sicherheit vor vierbeinigen Eierdieben boten.
Rico Ernst, dem Betreuer des Yachthafens ist das nicht entgangen. Mit Freude beobachtete er dieses Treiben. Nester wurden gebaut, Eier wurden gelegt, dann bebrütet, die Jungen schlüpften und dann geschah das Unvermeidliche: Die munteren Küken erkannten die Gefahr des Wassers nicht und fielen hinein. Das bedeutete den sicheren Tod. Einige konnte Rico Ernst aus dem Wasser keschern, das war aber nur die Rettung bis zum nächsten Absturz.
Rico hat selbst großes Interesse an dieser Brutansiedlung, zumal es außer dieser nur noch eine Kolonie auf der Insel Böhmke in der Nepperminer Bucht gibt, also fast ein Alleinstellungsmerkmal. Auch wenn es zunächst nur zwei Brutpaare waren.
Da sich das Dilemma Jahr für Jahr wiederholte, wurde Rico zunächst allein aktiv. Um den Flussseeschwalben irgendwie zu helfen, hat Rico im vorigen Jahr Sand und Kies auf den Ponton transportiert und verteilt. Eine sehr sinnvolle Maßnahme, da dieses Substrat im Vergleich zu Grasland von den Flussseeschwalben beim Brüten eindeutig bevorzugt wird. Zudem hat Rico an mehreren Stellen dicke Taue schleifenförmig auf dem Boden gelegt.
Diese Maßnahmen hatten zur Folge, dass nun bereits sieben Paare zur Brut schritten und die Nester im Schutz der Taue relativ sicher waren. Küken stürzten trotzdem immer wieder ab.
Wir wollten helfen. Das sagt sich aber leichter als es getan ist. Wie macht man so etwas? Wie kann praktische Hilfe vor Ort konkret aussehen? Einen unprofessionellen Schnellschuss wollten wir uns und vor allem den Seeschwalben nicht zumuten.
Es bedurfte einiger Telefonate und Kontaktaufnahmen, dann war es aber klar: Wir als NABU-Gruppe wollen helfen. Vor allem Frank Joisten, der mit der Insel Riether Werder im Stettiner Haff selbst eine Seevogelkolonie betreut, äußerte konkrete Vorstellungen zur Ertüchtigung des Standortes.
So entstand der Plan, dass die Pontons mit Sand aufgefüllt werden sollen, Nestangebote errichtet werden, ebenso wie kleine Unterstände zum Schutz der Küken vor Hitze, Wind und Regen.
Und vor allem muss ein Zaun aus feinem Maschendraht um die Plattformen herum errichtet werden, der zukünftig verhindert, dass die Küken ins Wasser fallen können. Niedrig genug, dass er die Tiere nicht in der Bewegung hindert, hoch genug, dass selbst der Mink, ein aus Nordamerika eingebürgerter kleiner Marder, der bestens schwimmt und klettert, nicht an die Eier bzw. die Küken kommen kann.
Was braucht man dazu?
Man braucht einen Termin, an dem viele mithelfen können, der zum Arbeiten auf dem Wasser erträglich ist, aber auch außerhalb der Brutzeit liegt.
Dann braucht man einen Plan, der anders als bei Egon Olsen, erfüllbar ist und zum guten Ziel führen kann.
Man braucht viele Helfer, denn es müssen viele unterschiedliche Arbeiten erledigt werden.
Man braucht passendes Werkzeug unterschiedlicher Art. Es gibt da draußen keinen Strom, also alles per Akku.
Viele der für diesen sehr speziellen Einsatz benötigten Gerätschaften hat man selbst kaum im eigenen Hobbyraum zu Hause. Das geht mit passenden Akkubohrmaschinen los und hört bei großen Holz- und Betonbohrern noch lange nicht auf. Besonders das Bohren im Beton dürfte herausfordernd werden. Abhilfe schaffte die Ausleihe einer starken Akkubohrmaschine bei einem Baumaschinenverleih. Und Herumfragen. Wer kann mit passendem Equipment leihweise aushelfen, Freunde, Nachbarn, Verwandte?
Und man braucht auch einen Plan zur Versorgung der Mitarbeitenden.
Viel Planen, viel Bedenken, viel Hin- und Hertelefonieren, aber auch viel Einkaufen.
Eine Zutat zu einem erfolgreichen Arbeitseinsatz können wir leider nicht beeinflussen. Das ist das Wetter. Bei strömendem Regen oder peitschendem Wind können wir da draußen nicht arbeiten. Alle Aktiven, alles Material muss über das Wasser auf den Ponton geschafft werden. Dafür hat Rico ein Arbeitsboot sowie einen Arbeitsponton für größeres und schweres Material, wie z.B. die benötigten großen Mengen an Sand.
Mittlerweile ist uns auch deutlich geworden, dass man einen langen Atem für dieses Unterfangen braucht, einen sehr langen Atem. Das Kommunizieren mit vielen unterschiedlichen Akteuren, von denen einige unerwartet absagen, andere plötzlich dazukommen oder manche aus den verschiedensten Gründen nicht antworten, braucht sehr viel Kraft. Wer das schon einmal gemacht hat, weiß das. Wir sind ja alle nur Menschen und jeder hat auch seine Agenda.
Die meisten der organisatorischen Probleme haben Bernd Schirmeister und Felix Quade gestemmt. Wir anderen versuchten und versuchen mehr oder weniger erfolgreich, ihn zu unterstützen.
Der erste Versuch
Nachdem sich der organisatorische Nebel einigermaßen zu lichten begann, blieb trotzdem die große Unsicherheit: Wird das alles da draußen auf dem Wasser funktionieren? Wir haben jährlich die verschiedensten praktischen Einsätze durchgeführt. Manche Aufgaben beschäftigen uns regelmäßig, so dass man Erfahrungen sammelt. Aber dieses Projekt ist doch weit außerhalb des Protokolls.
Deshalb trafen sich Rico und Bernd bereits einige Tage vorher am Mittwoch, den 25.03., früh in Netzelkow zu einem ersten Versuch. Es war, wie allermeist bei unseren Einsätzen, grenzwertiges Mistwetter. Ein Sturm war angekündigt, so dass Eile geboten war. Und er zog auch auf und natürlich aus Richtung Westen, so dass er die längste Windwirkung über das Achterwasser entwickeln konnte.
Zuerst musste der Ponton von Mengen an Vogelkot gesäubert werden. Bei trockenem Untergrund gut machbar, aber die erste Gischt spritzte bereits über den Rand und machte alles tückisch glitschig und schwer. Aber mit Schneeschieber, Schaufel und Besen ging es schließlich.
Jetzt kam das Wichtigste, Löcher von 18 mm Durchmesser in die Umrandung aus Holzbalken im Abstand von 1, 80 m bohren- mit einem herkömmlichen Akkubohrer. Den starken bekommen wir erst am Freitag. Es ging! Inzwischen hatte der Wind deutlich aufgefrischt und erste starke Brecher schlugen über den Ponton. Naja, er soll ja auch Wellen brechen. Aber es wurde nass und rutschig, wir und auch das Werkzeug und alles dicht an der Wasserkante.
Nun sollten auch die Stahlstäbe passen, an denen später der Schutzzaun befestigt wird. Mit einem kräftigen Hammer wurde auch das bewerkstelligt. So könnte es am Sonnabend gehen.
Jetzt ging es nicht mehr. Die Wellen stürzten über den gesamten Ponton- Abbruch. Schnell ins Arbeitsboot und zurück in den sicheren Hafen. Dort konnten wir zumindest noch eine der einen Meter breiten und 25 m langen Drahtrollen der Länge nach halbieren, so dass am Sonnabend auch gleich mit dem Zaunbau begonnen werden kann. Danach suchten wir noch passende Taue verschiedener Dicke und Länge zusammen, die später als Schutz für die Nester dienen sollen.
Nun aber nichts wie nach Hause und raus aus den nassen Sachen. In ein paar Tagen soll der Arbeitseinsatz stattfinden. Ein Verschieben ist nicht mehr möglich. An den Ostertagen haben die meisten Familientreffen und dann kommen auch schon die Seeschwalben.
Wir hoffen, dass wir in einer Woche einen Bericht über einen erfolgreich absolvierten Arbeitseinsatz, reichlich mit Fotos verziert, hier veröffentlichen können.
Kathrin Räsch
Bernd Schirmeister