Das große Fressen

zahlreiche Möwen fliegen am Strand auf der Suche nach Fressen
Zahlreiche Möwen am Strand

Schon 1973 von Marco Ferreri verfilmt, auf manchen Partys wohl auch heute durchaus noch aktuell, aber vielleicht nicht unbedingt nachahmenswert, würde der Hausarzt raten.

 

Das große Fressen gab es aber kürzlich- am Meer.

 

Am Meer sein, was will man mehr. Strandspaziergänge, Strandbesuche, am Strand joggen oder wandern, Bewegung an frischer Luft, gesunde jodhaltige Aerosole, dazu würde der Hausarzt bestimmt raten.

 

Aber es gibt noch andere Aspekte am Meer, Wasservögel z.B., die hier überwintern. Oder das jährliche Phänomen des Vogelzuges, das am Meer eigentlich fast ganzjährig stattfindet und hier auf Grund der Leitlinienwirkung der Küsten besonders eindrucksvoll zu beobachten ist.

 

Und natürlich die Möwen.

Von denen manche Touristen ja der Meinung sind, sie würden morgens von der Kurwaltung zur Volksbelustigung an den Strand gestellt und abends wieder eingesammelt.

Sie sind beliebtes Kinderspielzeug, man kann sie so schön aufscheuchen, obwohl sie gerade erkennbar ruhebedürftig sind. Insbesondere Jogger laufen allermeist nur geradeaus, auch wenn es dort Ansammlungen verschiedener Arten gibt, egal ob Homo sapiens oder Larus ridibundus.

Viele Hunde, besonders die zahlreichen freilaufenden am Strand, stehen auf Möwen. Apportieren gelingt selten, Panik unter den rastenden Vögeln verbreiten dagegen immer. Äußerst problematisch für die Möwen, denn bei jeder Aktivität verlieren sie wertvolle Energie, die wieder ausgeglichen werden muss, um im nordischen Winter überleben zu können.

 

 

Manchmal fliegen die Möwen allerdings sogar auf uns. Wenn man z.B. mitgebrachtes Toastbrot in die Luft wirft. In größeren deutschen Seebädern bußgeldpflichtig, an polnischen Stränden Volkssport und bei uns eigentlich eine sehr gute Möglichkeit, mit den Vögeln in Kontakt zu kommen, vielleicht sogar seinen Kindern die einzelnen Möwenarten zu zeigen und zu erklären. Wenn man sie denn kennt. Trauermöwen, wie kürzlich ein sächsischer Tourist zu seiner Frau sagte und auf einen auf einer Buhne sitzenden Kormoran zeigte, gibt es nicht.

Joachim Ringelnatz schrieb einmal: Die Möwen sehen alle aus, als ob sie Emma hießen. Dem kann man zustimmen, zumindest in Bezug auf die Lachmöwen.

 

Wenn man sich die Möwen an den Stränden jedoch ganz genau anschaut, sind manchmal welche zu sehen, die Metallringe oder auch Ringe unterschiedlicher Farben mit Buchstaben- und Zahlenkombinationen an den Beinen haben.

 

Nun sehen sie zwar immer noch aus, als ob sie Emma heißen, sind aber nun Individuum, individuell kenntlich durch den Ring. Jetzt kann man sie aus der Masse wiedererkennen und, zumindest zeitweise, Anteil an ihrem Leben nehmen.

 

Die Ringe dienen wissenschaftlichen Zwecken zur Erforschung der Aufenthalte und Wanderungen der Vögel, denn nicht nur Möwen werden auf diese Weise beringt. Man erhält auch Informationen über das Alter der Tiere, ihre Brutorte sowie in den Brutkolonien über die Populationsstruktur, Reproduktion, Partnertreue, Wiederkehrraten und im Jahreszyklus dazu über Zugwege, Winterquartiere, Rastplatztreue u.v.m.

 

 

Die Ringe werden durch die Vogelwarten der einzelnen Länder ausgegeben und durch überwiegend ehrenamtlich tätige Beringer an den Vögeln befestigt. Dazu muss man qualifiziert sein, wofür eine umfangreiche Prüfung notwendig ist.

gelber Ring am Bein einer Möwen
beringtes Silbermöwe

Damit besteht die Chance, am Strand nicht nur etwas fürs eigene Wohlbefinden und die Gesundheit zu tun, sondern auch für die Wissenschaft.

 

Abgelesene Ringe sollte man an die zuständigen Vogelwarten bzw. Beringungszentralen melden. Man erhält dann den Lebenslauf des abgelesenen Vogels. Je mehr Naturfreunde sich aktiv daran beteiligen, desto detaillierter wird der Lebenslauf des Vogels. Man erhält viele Daten und damit spannende Einblicke, wie präzise sich Vögel  in Zeit und Raum orientieren und wie sie diese Räume für ihren Jahreszyklus nutzen.

 

Mit solchen interessanten Fragen beschäftige ich mich schon seit Jahrzehnten, gehören Tierwanderungen doch zu den spannendsten Phänomenen im Tierreich.

 

Dazu bin ich sehr häufig an den hiesigen Stränden unterwegs, um den Möwen auf die Beine zu schauen. Besonders ergiebig ist dabei der Strand im polnischen Swinoujscie/Swinemünde. Unter den westpommerschen Ornithologen der Wojewodschaft Zachniopomorski sind viele aktive Beringer. Und wo viel beringt wird, kann man auch viel ablesen. Eine solch unerwartet hervorragende Gelegenheit ergab sich zum Jahreswechsel 2025/2026.

 

Tagelange kräftige Nordwestwinde hatten große Mengen Muscheln an den Strand gespült. Das war den Möwen nicht verborgen geblieben und auch dem Ableser nicht. Schon vom Parkplatz aus waren sie nicht zu überhören, denn das große Fressen ist auch immer mit Geräuschen verbunden.

 

Der erste Blick über den Dünenkamm offenbarte das ganze Ausmaß, was für ein Schauspiel, was für ein Spektakel.

 

Ca. 2500 Möwen, deren große Anzahl über Tage konstant blieb, hatten sich am Strand versammelt. Das ist ungleich mehr als die üblichen Verdächtigen, die sich unter normalen Bedingungen am Strand aufhalten würden. Durch das mehr als reichhaltige Futterangebot wurden viele Möwen ans Ufer gelockt, die sonst eher scheu und vorsichtig agieren und kaum an die Strände und somit  in den urbanen Raum kommen. 

zahlreiche Möwen am Strand auf der Suche nach Muscheln
Möwen auf Nahrungssuche

Erstaunlich ist dabei auch die Tatsache, dass nach der gewaltigen Silvesterböllerei, bei der die Strände sonst tagelang leer geschossen sind, sich dort nun solche Möwenmassen tummelten. Hunger erfordert manchmal Kompromisse.

 

Es waren überwiegend Silbermöwen, aber auch sehr viele Lach- und Sturmmöwen, kaum jedoch Mantelmöwen. Viele Möwen machten sich gleich im dick mit Muscheln übersäten Spülsaum über die leckere Beute her, die fast ausschließlich aus Sandklaffmuscheln bestand. Andere fischten im Flachwasser nach noch geschlossenen Muscheln, schleppten sie an den Strand, um sie dort zu knacken.

 

Erst einmal die Geräuschkulisse.

Hundertfache Jubelschreie nach dem Erbeuten einer dicken Muschel, Neidrufe, wenn der Nachbar schneller war, Wutgeschrei nach Mundraub, immerfort laute Streitgespräche, ebenso lautstarke Verfolgungsflüge. An manchen Stellen hatte der Wind am Strand enorme Muschelbänke aufgeschüttet, die nun ebenso dick mit Möwen bevölkert waren. Ein unbeschreibliches Gewimmel- und die Chance, ihnen beim großen Fressen zuzuschauen und die Beine in Augenschein zu nehmen.

beringte Silbermöwen aus verschiedenen Ländern
beringte Silbermöwen aus verschiedenen Ländern

Wie man als Strandbesucher das Verhalten der Möwen erleben kann, tun es die Möwen umgekehrt mit unserem Verhalten genauso. Trotz des übervollen Buffets wird auch immer die Umgebung  im Auge behalten.

 

Die allermeisten Strandbesucher nehmen keinerlei Notiz von diesem Naturschauspiel, höchstens für ein Selfie mit Möwen und gehen unbeteiligt vorbei, was von Seiten der Möwen immer aufmerksam registriert wird.

 

Interesse an Ihnen mögen die Möwen überhaupt nicht. Gehen Leute zu dicht an den fressenden Schwärmen vorbei, laufen sie umgehend ins Wasser und sind damit für die Wissenschaft vorerst verloren, weil man die Beine nicht mehr sieht. Also war Vorsicht beim Suchen nach beringten Individuen geboten. Aber selbst aufmerksames Hinschauen und Suchen wurde sofort registriert und als Gefahr gedeutet, ab ins Wasser.

 

 

Dabei waren die Gelegenheiten mehr als günstig. Durch die stürmische Strömung wurde auch viel Sand an die Küste getragen, der einen Wall am Spülsaum gebildet hatte, mit einer davor befindlichen schmalen Lagune. Auf dem Wall konnte man die Möwenparade abnehmen, aber nur mit äußerster Vorsicht. Unbeteiligt tun, aus den Augenwinkeln schauen, schon auf größere Entfernung mit dem Fernglas nach Ringträgern suchen, zoomen und schnell Belegfotos anfertigen, dann klappte es schließlich auch mit dem Ablesen. Reichlich Bildmaterial, das dann zu Hause im warmen Zimmer in Ruhe ausgewertet werden kann.

Der Vormittag nahm seinen Lauf, viele Leute auch. Der Strand füllte sich zunehmend mit tausenden übriggebliebenen Silvesterurlaubern, deswegen war man ja schließlich gekommen.

 

Unaufmerksame oder unvorsichtige Besucher trieben nun immer wieder die Möwen vor sich her oder brachten Trupps aus hunderten Vögeln zum Auffliegen.

 

Ein Stück weiter gingen sie zwar wieder runter, aber dort waren ebenfalls Leute. Das ständige Hin und Her brachte jedoch auch immer wieder Chancen auf neue Einblicke in die fressenden Massen und damit auf weitere Ringfunde.

 

An insgesamt drei Tagen konnten somit 153 Ringe abgelesen werden (29.12.2025: 53 Ringe, 02.01.2026: 36 Ringe und 03.01.2026: 64 Ringe), kein unerheblicher Beitrag für die Wissenschaft. Dabei wurden manche Ringträger täglich angetroffen, genauso gab es aber jeden Tag neue Ablesungen, darunter viele, die mir trotz jahrelanger Ablesetätigkeit noch nie unter die Augen gekommen waren.

 

 

Die beigefügten Fotos mögen einen kleinen Einblick dazu beisteuern und vielleicht den einen oder anderen motivieren, beim nächsten Strandspaziergang hilfreiches Equipment und Aufmerksamkeit den Möwen zukommen zu lassen.

Bericht und Fotos: Bernd Schirmeister