Ein Kiebitz im Schnee

Zu Beginn des neuen Jahres gibt es in unserer Usedomer NABU-Gruppe gleich mehrere größere Projekte, an denen viele Mitglieder sehr aktiv beteiligt sind.

 

Dazu gehört auch das Wintervogelerfassungsprojekt der OAMV, bei dem wir seit vielen Jahren mitmachen.

 

Auf unserer Homepage wurde in der Vergangenheit regelmäßig darüber berichtet (s. Archiv, Erlebnisberichte, umfangreiche Statistiken und Auswertungen).

 

Ungewohnterweise gab es mal wieder einen richtigen Winter im Land, mit täglichem Frost (nachts bis -10°C) und mehrfachen Schneefällen, so dass sich eine geschlossene Schneedecke von mehreren Zentimetern Dicke gebildet hatte. Aber so fand die Wintervogelzählung auch unter winterlichen Bedingungen statt.

 

Meine Zählstrecke im Grünland des Thurbruchs wollte ich am 06.01. bearbeiten. Also früh aus dem Haus, bei leichtem Schneefall. Naja, es mag ja nachlassen. Tat es aber nicht, im Gegenteil, die Landschaft verschwand im dichten Flockenwirbel. Nichts zu sehen, nichts zu machen - Abbruch in der 25. Minute.

Zur Mittagszeit hatte der Schneefall aufgehört und gab es den zweiten Versuch. Die Sichtverhältnisse waren gut, für Minuten kam sogar immer mal die Sonne zum Vorschein.

 

Erster Halt kurz vor Labömitz. Was für ein Weiß, aber auch was für eine Stille. Alles fehlte - das weit hörbare Geschnatter der Gänsemassen, das Trompeten der revierhaltenden Kranichpaare, das Krächzen der nahrungssuchenden Krähenschwärme, das feine Singen der Erlenzeisigtrupps.

 

Trotzdem war Leben in der Landschaft, vor allem in den wegbegleitenden Gehölzen und Hecken. Reichlich Kohl- und Blaumeisen, auffällig viele Amseln an den noch beerentragenden Sträuchern wie Schneeball, Weißdorn oder Hagebutten. Offenbar  war das ein Konzentrationseffekt aus dem nahrungsarmen Umland.

 

Nahe des Ortes wurde ich dann auf bekannte Rufe aufmerksam. Goldammern, gleich ein größerer Trupp von über 20 Vögeln, suchte am Boden einer Heckenreihe nach Nahrung. Gelbe Farbtupfer im weißen Schnee. Später gab es an der Rinderhaltung bei Ulrichshorst noch weitere Goldammern, die in der Einstreu bei den Kühen Körner aufpickten. Aber die sonst dort üblichen Feldsperlinge fehlten völlig.

 

Aber auf den dick verschneiten Wiesen, dem Hauptuntersuchungsbiet, war nichts zu holen. Auch alle noch vor Weihnachten anwesenden Kranichpaare hatten vorübergehend ihre Reviere verlassen müssen. Aber da - ein feiner Ruf und aus dem welken Gras flog ein Wiesenpieper auf. Na immerhin.

 

Die an das Grünland angrenzenden Erlenreihen boten im Dezember noch hunderten Erlenzeisigen reichlich Samennahrung. Nun waren die Nüsschen offenbar leer und die Zeisige weitergezogen. Später gab es dann aber doch noch einen Trupp bei Ulrichshorst. 

Aus Richtung Norden ertönten plötzlich laute, weit tragende Rufe - Singschwäne. Auf den weißen Wiesen wären sie kaum zu sehen gewesen, wie es mir bereits kurz vorher mit zwei Höckerschwänen gegangen war. Die Singschwäne aber schwenkten ein und ließen sich auf dem zugefrorenen Kachliner See nieder. Sicher nur eine kurze Zwischenrast, aber gesehen und dann zählen sie.

 

Greifvögel waren keine in der kalten Luft zu sehen, also suchte ich Baumreihen und Koppelpfähle  gründlich mit dem Spektiv ab. Mäusebussarde saßen gleich mehrere mit hochgezogenen Schultern verteilt in der verschneiten Landschaft. Kein Flugwetter heute, aber Mäuse muss es wohl geben. Ein besonders schöner Anblick war dann ein männlicher Wanderfalke, der in geringer Entfernung entspannt auf einem Koppelpfahl saß. Vogelbeute war aber hier nicht viel zu holen.

 

Plötzlich stieg ein mittelgroßer Vogel von einer Wiese hoch. Der heutige Höhepunkt - ein Kiebitz,  im Schnee, ein einzelner, den ich hier jetzt überhaupt nicht erwartet hätte. Der Kiebitz entfernte sich in Richtung Westen, sicher eine gute Idee, denn hier gab es für ihn momentan kaum eine Lebensgrundlage.

 

Am Rand des Erlenbruchs konnten dann noch Schwarz- und Buntspecht gesehen werden, ein paar rufende Zaunkönige im verschneiten Kräutich, auch dort Kohlmeisen, dann war die Strecke absolviert und die Zeit auch reichlich fortgeschritten.

Text und Fotos: Bernd Schirmeister