
Premiere - eine Pilzwanderung hatten wir noch nie im Exkursionsprogramm, noch dazu eine geführte. Und was für eine - mit Pilzberater Lutz Jürgens aus Steinfurth.
Losgehen sollte es am 08.11. um 10.00 Uhr, was auch fast klappte, nachdem alle Teilnehmer von den geografisch unterschiedlich ausgelegten Treffpunkten in kurzen Zeitabständen eintrafen. Vom letzten dieser Treffpunkte am Heuberg bei Bansin ging es dann zum eigentlichen Exkursionsziel, dem Mümmelkensee bei Bansin. Er hat seinen Namen von den dort im Sommer blühenden gelben Teichrosen, plattdeutsch Mummeln.
Eingeparkt, ausgestiegen und schon fanden sich die ersten Pilze, den heutigen Objekten des Interesses.
Der Tag war für die 14 Teilnehmer aus der NABU- Gruppe und Freunden etwas Besonderes in Bezug auf das Wetter. Von weiter her Angereiste berichteten von dem allerwärts herrschenden dichten Nebel. Über uns dagegen strahlte die Sonne vom durchgehend blauen Himmel, so dass die Sicht nicht nur bis zum Waldboden reichte, um die Pilze zu entdecken. Nein, es war ein goldener Spätherbsttag vom Feinsten.
Der erste Pilz war dann eine Nebelkappe, deren Name sich jedoch nicht auf das Wetter, sondern auf die nebelgraue Färbung der Hutoberseite bezieht. Zwar fleischig und fest, aber leider meist unbekömmlich, was man bei einer kleine Probe durchaus testen könnte.
Nun aber Lutz Jürgens. Es war ein lehrreiches und kurzweiliges Vergnügen, seinen Erläuterungen zu den aufgefundenen Pilzen zu lauschen. Mit viel Sachkenntnis und vor allem auch ökologischem Hintergrund vermittelte er anschaulich eine Menge Zusammenhänge inmitten der herrlichen herbstlichen Natur, die uns immer wieder staunen ließ.
Lutz Jürgens hat kürzlich ein Buch veröffentlicht, ein Pilzbuch „Begegnungen mit Pilzen“. Nein eigentlich kein Pilzbuch, sondern ein Jahrestagebuch mit Streifzügen durch die heimatliche Natur. Mit viel Sach- und Fachkenntnis werden Pilze beschrieben, aber nicht nur im klassischen Sinne. Das Buch geht weit darüber hinaus. Es ist Wanderführer, Kochbuch und Erlebnisbericht mit spannenden Tipps zum ganzjährigen Finden von Pilzen und vielen leckeren Zubereitungstipps. Dazu ganz viel Belletristik, die pilzliches, berufliches, familiäres auf eine humorvolle, äußerst lesenswerte Art und Weise verbindet.

Doch nun genug rezensiert. Wir waren ja schließlich im Wald.
Woran erkennt man Pilze sicher? Wichtig ist immer eine exakte Beschreibung, eine Kombination aus möglichst vielen Merkmalen: Hut, Hutoberseite, ist sie ablösbar?, Stiel, hat er Ringe?, eine Knolle?, Lamellen oder Röhren, sind sie weich oder fest, ablösbar?, usw.
Dann das Große Kuhmaul, ein Schleimling, der zu den Gelbfüßen gehört. Es ist ein Mykorrhizapilz, dessen Wurzeln eine Symbiose mit einer bestimmten Baumart eingeht, in diesem Fall der Fichte.
Nun wurde ein Anischampignon begutachtet, gut erkennbar am charakteristischen Geruch.
Schnell war auch klar, dass es ähnlich wie bei unseren Botanikwanderungen nicht schnell vorwärtsgeht und der Weg das Ziel ist. Nun kamen wir an eine Stinkmorchel. Sie stank nicht mehr, Fliegen saßen wegen der fortgeschrittenen Jahreszeit auch keine mehr dran, aber der lateinische Name Phallus impudicus war selbsterklärend.
Bei Alfons Zitterbacke gibt es ein Kapitel „Über die Schönheit unserer Namen“. Ein solches Kapitel öffnete Lutz Jürgens heute auch in Bezug auf die Namen der Pilze.
Violetter Rötelritterling, Rosablättriger Helmling, Grünspan-Träuschling, Lärchenröhrling, Beringter Buchenschleimrübling sind nur eine kleine Auswahl poetischer, aber immer passender Pilznamenwortschöpfungen. Meist bezogen auf äußere Merkmale, Geruch, Baumsymbiosen oder auch Gattungszugehörigkeiten.
Letztgenannter ist übrigens ein Buchenzersetzer. Wichtig in der Natur, es gibt Kreisläufe, aber keinen Müll.
Der Rettichhelmling riecht nach Radieschen, ist aber giftig. Faszinierend für uns war dann der Kiefernzapfenrübling, winzig kleine Pilzchen, die in Gruppen auf einzelnen Kiefernzapfen aus den Zwischenräumen der Zapfenschuppen wachsen. Was es alles gibt, immer da, aber oft vorher noch nie (bewusst) wahrgenommen. Das kann Lutz Jürgens meisterhaft. Die Augen öffnen für die kleinen (Pilz)Wunder am Wegesrand und dazu noch profundes Wissen über dieses Zwischenreich vermitteln.

Ein besonderes interessantes Kapitel im Wald ist das Totholz, stehend oder liegend. Ein enorm artenreicher Lebensraum für Insekten, Vögel, Fledermäuse und auch für Pilze.
Wir hatten schon Mengen von Kuschelpilzen mit ihrer weichen Struktur an herabgefallenen Ästen betrachtet. Nun der Hallimasch mit seinen verdauungsfördernden Eigenschaften (Heil mich im A…), aber auch ein aggressiver Baumparasit. Die Pilzwurzeln (das Myzel, der eigentliche Pilzorganismus, als Pilze nehmen wir ja lediglich die Fruchtkörper wahr) breiten sich zwischen Rinde und Holz als ledrige Häute aus. Dazu bildet der Hallimasch meterlange, schwarzbraune, glänzende und sich verzweigende Stränge aus, die unter der Erde von Baum zu Baum kriechen und im Wald einigen Schaden am Baumbestand anrichten können.
Inzwischen hatten auch essbare Pilze den Weg in einige Körbe gefunden. Mit dem Rotfußröhrling auch der erste Vertreter der Röhrenpilze, von dem es allein ca. 20 Arten gibt.
Aber wie nun Pilze richtig ernten? Lutz Jürgens plädierte für Abschneiden. Wenn man den Pilz herausdreht, entsteht eine Wunde im Erdreich, die austrocknet und das Myzel schädigen kann. Man sollte dann zumindest das entstandene Loch wieder verschließen. Angeschimmelte oder madige Pilze sollten niemals gegessen werden.
Ein weiterer essbarer Pilz war der Fichtenreizker, der an Schnittstellen einen orangefarbenen Milchsaft absondert, weshalb er zu den Milchlingen gehört.
Auch der Butterrübling ist essbar, erkennbar u.a. an der sich fettig anfühlenden Hutoberseite.
Ein nestähnlich aussehendes verholztes Gebilde in einer Birke erwies sich ebenfalls als Pilz. Der mit der Birke symbiotisch lebende Hexenbesen erhält von der Birke Zucker und gibt ihr im Gegenzug Wasser, also kein Schmarotzen oder Zerstören, sondern von gegenseitigem Vorteil. Es ist ein Schlauchpilz, der die Birke immer wieder zu Neuaustrieb und Knospenbildung bringt, bei starkem Befall aber auch Wuchsstörungen verursachen kann.
Inzwischen hatten wir den Mümmelkensee im gleichnamigen Naturschutzgebiet erreicht, dem einzigen Hochmoor auf der Insel Usedom. Vorschriftsmäßig gingen wir auf dem stabilen Steg bis ans Seeufer. Dass viele Besucher sich nicht an diese eigentlich normale Regel halten, zeigten die vielen Trampelpfade, die die empfindliche Moorvegetation zerstören. Hochmoore sind ausschließlich durch Niederschlag gespeist, wachsen ca. 1 mm pro Jahr und wölben sich uhrglasförmig über den Rand auf. Leider fehlt es als Folge des Klimawandels zunehmend an Niederschlägen, so dass das Moor allmählich austrocknet, was seine teils dichte Bewaldung mit Kiefern und Moorbirken zeigte. Die großen Kiefern am Ostufer entziehen dem Moor zusätzlich große Wassermengen über die Verdunstung, ebenso wie ein in der Nähe befindlicher Brunnen, über den Trinkwasser für die Seebäder mit wachsendem Bedarf gefördert wird. Mit der Pfahlgründung für den neuen stabilen Besuchersteg wurde eine wasserundurchlässige Schicht angebohrt, was nun ebenfalls für Wasserverluste sorgt.
Hexenmäßig ging es kurz darauf weiter. Mancher hat sich schon über die eigenartig im Kreis wachsenden Pilze gewundert, für die der Volksglaube eine ganz eigene Erklärung gefunden hat. Unter dem Kreis der Fruchtkörper wächst das Myzel ebenfalls kreisförmig, weil auch die Nährstoffe in dieser Form abgelagert sind. Nach ihrem allmählichen Verbrauch wächst der Hexenring immer weiter nach außen. Hier war es ein großer Kreis mit Nebelkappen, der sich mit ca. 40 cm im Jahr ausbreitet und etwa 30 Jahre alt ist. Alle Teilnehmer stellten anschließend den Kreis nach, beeindruckende Ausmaße, aber getanzt haben wir nicht.
Fast schon wieder am Parkplatz angekommen, gab es den kulinarischen Höhepunkt der Wanderung. Nahe einer Kiefer fand Felix eine Krause Glucke mit äußerst beeindruckenden Ausmaßen, ca. 2- 3 kg schwer. Und noch völlig intakt, sauber und schon lecker duftend. Felix teilte den großen Pilz brüderlich, so dass viele Teilnehmer heute Abend in den Genuss einer leckeren Pilzmahlzeit kommen, schmeckt das Fleisch der Krausen Glucke doch angenehm nussartig.
Zum Schluss werden sicherheitshalber auch die anderen gesammelten Pilze von Lutz Jürgens auf Essbarkeit durchgeprüft, so dass jeder beruhigt nach Hause fahren konnte.
Ein großes und herzliches Dankeschön an Lutz Jürgens für diese sehr interessante Pilzwanderung! Schnell waren wir uns einig, dass diese nicht die letzte gewesen sein wird.
Bericht und Fotos: Bernd Schirmeister